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Grenzgänger bei der Berufswahl – Ausbildung in Österreich

In Grenzgebieten finden sich häufig zahlreiche Arbeiter aus den umliegenden Ländern – beispielsweise, weil das Lohnniveau gut ist und es viele Stellen gibt, die gefüllt werden wollen. Sogenannte „Grenzgänger“ sind üblicherweise Fachkräfte, die eine Stelle im Ausland antreten – aber auch für Azubis kann der Karrierestart über Deutschlands Grenzen hinaus attraktiv sein. Es ist innerhalb der EU grundsätzlich kein Problem, sich im benachbarten Ausland nach einem Ausbildungsplatz umzuschauen. Wir geben einen kurzen Überblick und beraten über Österreich als möglichen Ort der Ausbildung.

Österreich als Alternative für die Ausbildung

Deutschland hat neun direkte Nachbarländer. Wer die gut vierzig Kilometer nicht scheut, kann auch noch Liechtenstein dazuzählen. Warum sollte man insbesondere Österreich als Ort für die Ausbildung wählen? Grundsätzlich kommen zum Arbeiten alle direkten Nachbarländer in Frage. Diese sind mit Ausnahme der Schweiz EU-Mitgliedstaaten, was bedeutet, dass jeder Deutsche (oder EU-Bürger aller anderen Mitglieder) dort Arbeit suchen und ausüben darf, ohne dafür eine spezielle Arbeitserlaubnis zu benötigen.

So kann man also auch in Österreich problemlos als Grenzgänger arbeiten oder eine Ausbildung absolvieren. Das bedeutet, dass man weiterhin in Deutschland lebt, aber täglich zur Arbeitsstelle pendelt, welche im Nachbarland liegt. Das größte Argument ist natürlich die Tatsache, dass keinerlei Sprachbarriere vorhanden ist. So ist auch der Besuch einer berufsbildenden Schule – was sich ebenfalls in Österreich abspielt – kein Problem.

Blick auf den österreichischen Arbeitsmarkt

Alleine schon, weil die Arbeitsmärkte leichte Unterschiede aufweisen, sollte man bei der Suche nach einer Ausbildungsstelle das Alpenland nicht vernachlässigen. So finden sich dort in den Branchen Fremdenverkehr, Handel und Verkehr die meisten Lehrstellen. Besonders das Tourismus- und Hotelgewerbe und die Gastronomie bieten viele Arbeitsplätze, während in Deutschland weiterhin Industrie und Handwerk mit deutlichem Abstand die Vorreiter sind. Aber auch im produzierenden Gewerbe gibt es vielfältige Möglichkeiten zur Ausbildung oder zum Berufseinstieg. Beispielsweise Schinko, Spezialist für Maschinen- und Geräteverkleidungen, sucht aktuell wieder motivierte Lehrlinge. Wer grenznah lebt, sollte diese Optionen also keineswegs ignorieren.

Für Berufstätige oder Interessierte gibt es als Gegenstücke zum Arbeitsamt und der Handelskammer vergleichbare Einrichtungen: An Stelle des Arbeitsamtes tritt der Arbeitsmarktservice (AMS) und anstelle der IHK wendet man sich für spezifische Informationen an die WKO (Wirtschaftskammer Österreich). Dort kann man sich auch vergewissern, welche gesetzlichen Umstände es für Grenzgänger gibt.

Glücklicherweise sind die Regelungen diesbezüglich recht übersichtlich und fair gestaltet. Wie zuvor bereits genannt, ist innerhalb der EU die „Arbeitnehmerfreizügigkeit“ gewährleistet. Wer also zur Arbeit von Deutschland aus nach Österreich pendelt, hat dabei keinerlei Beschränkungen. Steuerlich ist es auch nicht zu kompliziert: Politisch ist mit allen umliegenden Staaten geregelt, dass deutsche Arbeitnehmer nicht doppelt besteuert werden können. Die Grundregel in der EU ist, dass die Steuern territorial gesetzt werden, also in dem Land, in dem man arbeitet.

Laut des Doppelbesteuerungsabkommens zwischen Deutschland und Österreich gilt jedoch, dass der Staat, der als Wohnsitz eingetragen ist, das gesamte Einkommen versteuert. Dies gilt in Österreich dann, wenn der Arbeitsplatz bis maximal dreißig Kilometer hinter der Grenze liegt. Die Abführung der Sozialversicherung fällt ins Land des Arbeitgebers.

Deutschland oder Österreich?

Wenn man eine Ausbildung als Grenzgänger in Erwägung zieht, muss man die Unterschiede beachten, die das jeweilige System der Länder mitbringt. Zwar ist die Arbeits- und Lebenskultur in Österreich der unseren sehr nah, jedoch gibt es einige Unterschiede und Besonderheiten, die Azubis zugutekommen:

  • Anerkennung der Lehre: Die anerkannten Lehrberufe sind zwar nicht exakt deckungsgleich, aber sehr ähnlich. Gut 89 Prozent aller Berufsbezeichnungen werden als gleichwertig anerkannt. Wer nach einer Ausbildung in Österreich also wieder zurück nach Deutschland möchte, hat gute Chancen.
  • Vergleichbares Gehalt: Die Vergütung der Ausbildung, in Österreich genannt „Lehrlingsentschädigung“, fällt mit Deutschland vergleichbar in weiten Teilen sogar höher aus. Manche Lehren, die vier Jahre dauern, bieten im letzten Lehrjahr sehr attraktive Gehälter. Nach der Ausbildung gilt ein nach Branche ausgehandelter Mindestlohn, der meist über dem gesetzlichen Minimum von 9,19 Euro brutto je Zeitstunde in Deutschland liegt.
  • Gute Konditionen: In Österreich gilt die 40-Stunden-Woche als maximale Normalarbeitszeit unselbstständiger Arbeitnehmer. Manche Branchen liegen sogar darunter. Wer darüber liegt, erhält einen Überstundenzuschlag von 50 Prozent.
  • Auslandserfahrung: Auf viele moderne Arbeitgeber wirkt Arbeitserfahrung im Ausland sehr gut im Lebenslauf. Flexibilität und kulturelle Offenheit sind überall gefragte Qualitäten.
  • Mehr Praxisnähe: Die duale Ausbildung in Deutschland wird etwa zur Hälfte an der Berufsschule verbracht – in Österreich sind dies lediglich 20 Prozent der Zeit. Die Lehre dort bringt also mehr direkte Berufserfahrung.
  • Kein Schulabschluss? Kein Problem! Eine Lehre setzt lediglich voraus, dass die neunjährige Schulpflicht, die in Österreich gilt, erfüllt wurde. Alles Weitere ist vom Arbeitgeber abhängig – mit einer durchschnittlichen schulischen Laufbahn in Deutschland hat man so gute Chancen.

Natürlich ist es dennoch für viele ein größerer Schritt, der gut bedacht werden sollte. Schließlich genießen unsere beruflichen und akademischen Abschlüsse international ein mindestens ebenso großes Ansehen.

Außerdem kann die Umstellung für viele ein Problem darstellen – hierzulande sind wir mit den Strukturen vertraut und wissen beispielsweise genau, was man bezüglich des Alltages an der Berufsschule erwarten kann. So kann man sich innerhalb des bekannten Systems voll und ganz auf seine Ausbildung konzentrieren. Insbesondere für die Zeit in der Schule, die beispielsweise in Linz ansässig ist, sind die Wege auch häufig etwas weiter. Jeder muss für sich selbst wissen, wie viel Zeit zum Pendeln zumutbar ist.


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