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Wissen + Kommunikation = Bildung

Der Begriff „Bildung“ ist ausgesprochen vieldeutig. Er umfasst den PROZESS der AUSbildung dessen, was Persönlichkeit und Charakter eines Individuums als „innere Bildung“ prägt und wird gleichzeitig benutzt, um das RESULTAT dieses Prozesses zu beschreiben. Wobei dieses Resultat den Anspruch und die Realität der soziokulturellen Einbindung des Individuums mitbestimmt und sich dabei nicht selten als EINbildung entpuppt.

Bildung ist demnach niemals zweckfrei. Sie existiert als Verheißung, als Ideal und als Forderung nicht um ihrer selbst Willen, sondern im Interesse der Gemeinschaft, deren Strukturen und Werte, deren Bewertungen und (Vor-)Urteile sie transportiert und auf deren Welterkenntnis sie gründet. Sie zielt darauf ab, formulierte Erkenntnisse weiterzugeben und damit Menschen in die Lage zu versetzen, sich aufgrund des aktuellen Erkenntnisstandes in der Welt zu orientieren und im Sinne der jeweiligen Gesellschaft konstruktiv zu verhalten. Dabei schließt diese Konstruktivität durchaus eine Erweiterung des Erkenntnisstandes mit ein.

Anders gesagt: Bildung als Prozess transportiert Wissen, das dann – im Verständnis von Bildung als Ergebnis dieses Prozesses – die Grundlage für einen geistigen Fortschritt im Sinne einer Vergrößerung jener ursprünglichen Wissensbasis bildet. Es ist dabei völlig unerheblich, auf welchem Weg die entsprechenden Wissensinhalte zunächst innerhalb des Bildungsprozesses vermittelt und aufgenommen werden, ob ihre Weitergabe in direkter mündlicher Form, durch Nachahmung oder durch Bücher, das Internet oder den aktiven oder passiven Gebrauch anderer Medien geschieht.Und es ist ebenso unerheblich, in welcher Weise die möglichen neuen Erkenntnisse kommuniziert werden. Wichtig ist, dass sie kommuniziert werden.

Bildung ist als zielgerichteter Prozess ohne Kommunikation nicht möglich. Daher gilt also: Wissen + Kommunikation = Bildung;und wer möchte, kann die Gleichung anschließen Bildung + Kreativität = Fortschritt.

Wenn man nun, wie es heute allenthalben geschieht, Bildung als eine lebenslange Aufgabe des Individuums im Interesse der Gemeinschaft postuliert, dann ist es unerlässlich, die beiden genannten Komponenten der Bildung zu einem ihrer wichtigsten Gegenstände zu machen, also gewissermaßen die Metaebene in den Bildungsprozess mit einzubeziehen und Ursprung, Wesen und Bedeutung von Wissen und Kommunikation zu seinen Inhalten zu erklären – und zwar auf allen Ebenen der Bildungsvermittlung.

Wer an dieser Stelle wahlweise die Nase rümpft oder die Schultern zuckt und sich denkt, dies sei doch selbstverständlich, dem sei anhad eines aktuellen und prominenten Beispiels das Gegenteil bewiesen: 2011 wurde der Nobel-Preis für Chemie an den israelischen Forscher Daniel Shechtman verliehen. Grund für die Auszeichnung war seine Forschung im Bereich von Quasi-Kristallen, unregelmäßigen kristallinen Strukturen, die eine Fülle von sinnvollen Nutzanwendungen für die Industrie eröffnen UND deren Existenz offenbar von der Mehrzahl der Berufskollegen Shechtmans schlichtweg geleugnet und spöttisch abgetan wurde.

Dieses Verhalten beweist, dass die meisten anderen Chemiker offensichtlich das ihnen vermittelte Fachwissen nicht als Beginn, sondern als definitiven Endpunkt der Forschung angesehen und somit die grundsätzlich temporäre Natur von Wissen völlig verkannt haben. Sie haben Fortschritt blockiert, weil sie offensichtlich nicht über die eigentliche Bedeutung von Wissen informiert sind. Und wenn dies auf höchster akademischer Ebene der Fall ist, dann ist kaum davon auszugehen, dass etwa Schüler einer x-beliebigen Schule über einen anderen Erkenntnistand verfügen.

In einer Zeit, in der durch das Internet immer mehr Informationen für immer mehr Menschen verfügbar werden, wandelt sich die Voraussetzung für den Erwerb von Wissen und damit auch von Bildung. Gefragt ist heute besonders eine Form kommunikativer Kompetenz, die bei der Selektion und Bewertung von Medien und Inhalten zum Tragen kommt. Daneben darf das Verständnis um Bedeutung und Form von Kommunikation als Grundlage sozialen Verhaltens nicht vernachlässigt werden. Beide Komponenten zusammen schaffen das Rüstzeug für Bildung als erfolgreichen interaktiven Prozess innerhalb der jeweiligen Gemeinschaft.

Daraus folgt nicht nur, die bereits zitierte Einbeziehung der Metaebene als wichtigen Inhalt in alle gezielten und strukturierten Bildungsprozesse zur Forderung zu machen, sondern auch, die bestehenden Instrumente, Strukturen, Theorien der Bildungsarbeit einer kritischen Würdigung hinsichtlich ihrer Offenheit für und ihrer Berücksichtigung von diesen Aspekten zu unterziehen.

Dazu allerdings müssen Maßstäbe erarbeitet und/oder formuliert werden, die wiederum nur von den Zielen (organisierter und institutionalisierter) Bildung in unserer Gesellschaft abgeleitet werden können, denn letzten Endes bestimmt die Funktionalität hinsichtlich der möglichen Zielerreichung über den Grad der Sinnhaftigkeit von Inhalten, Maßnahmen und Mitteln.

Besteht das Ziel letzten Endes darin, das Individuum zu befähigen, aufgrund erworbener Bildung (inklusive der innerhalb des Prozesses vermittelten Kenntnisse und Fertigkeiten der Aneignung von Wissensinhalten unterschiedlichster Art) eigenständig den Bildungsprozess fortsetzen zu wollen und zu können, so ist die Aufnahme des Verständnisses von und daraus resultierenden kritischen Umgangs mit Wissen und Kommunikation als grundlegende Bildungsinhalte unabdingbare Voraussetzung für einen Erfolg. Wobei „Erfolg“ hier sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft mit „Fortschritt“ gleichzusetzen ist, einer konstruktiven Weiterentwicklung in jeder möglichen Form: sozial, kulturell, wirtschaftlich, politisch.


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