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Bescheid wissen oder bescheidenes Wissen?

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Kinder sollen morgen unsere Gesellschaft tragen. Doch welche Komponente fehlt bei der laufenden Diskussion, wenn wir zukunftsgerichtet ausbilden wollen? Es fehlt der richtige Fokus.  – Ein Beitrag zur Bildungsdebatte von Armin Rütten.

Vor eine Schulform-Debatte muss erst einmal der Auftrag an das Bildungswesen definiert und bestimmt werden. Wohin soll staatliches Bildungsbemühen führen? Will ich denkfähige, mündige und kreative Bürger?

Oder will ich primär Menschen, die lediglich zur Funktionserfüllung in bestehenden Umgebungen taugen, ohne durch besondere Urteilsfähigkeit aufzufallen? Behauptet wird, dass das Wissen, das Kinder heute vermittelt bekommen, bestimmt, wie wir morgen leben werden. Zum Teil trifft dies zu. Das modern gelehrte Wissen um Regeln und Rezepte ist notwendig, wenn Funktionen in einem gegebenen Rahmen erfüllt werden sollen. Wer Funktionsträger ausbilden will, muss prozedurales Wissen anreichen.

Wissen anreichern oder hinterfragen?

Doch lag unter der ursprünglichen Idee beim Vermitteln von Wissen erheblich mehr. Heranziehen wollte man Gebildete, das heißt mündige Bürger. Durch einen den Reifeprozess anschiebenden Bildungserwerb, zu dem auch Wissen angereicht wurde, entstanden solche kritischen Köpfe.

Durchweg vermittelt wurde, dass Wissen immer nur eine zeitgenössisch wertvolle Rolle bei der Erfüllung von Aufgaben im gesellschaftlichen Rahmen haben und sich eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung nur vollziehen kann, wenn man den Wissensfundus stringent an sich ändernde Bedürfnisse anpasst und gekonnt erweitert. Nie lag der Schwerpunkt allein auf einer reinen, wenig hinterfragenden Wissensakkumulation bei jungen Menschen.

Diese Anleitung zum kritischen Bedenken von Inhalten wurde anscheinend im Bemühen, keine neuen 68er heranzuziehen, in den letzten Jahrzehnten zugunsten eines rein reproduzierenden geistigen Wirkfähig-Seins zurückgefahren. Wissen, das nie etwas anderes als eine bestenfalls gelungene Lehr-Meinung sein kann, bekam in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Deutschland etwas Monolithisches.

Wenn also davon gesprochen wird, dass in den letzten 45 Jahren in Deutschland ein Bildungsanstieg zu beobachten sei, heißt das – insbesondere für die letzten 25 Jahre – nur, dass mehr Ankreuzwissen in die Köpfe verfrachtet wurde. Der Stundenplan gab den Erwerbenden von Bildungsinhalten kaum mehr Platz für deren kritische Durchleuchtung. Doch: Weitergereichtes Faktenwissen, als letzte Wahrheit propagiert, sorgt sicher nicht dafür, dass kreative Impulse generiert werden.

Mancher Uni-Professor kann die grauen Haare zeigen, die ihm dergestalt abgerichtete Jahrgänge bereiteten und bereiten. Das gegenwärtige System lässt sie los auf Studiengänge, die eigene Prozessorleistung benötigen, sollen sie ernsthaft forschen. Aber: Wo doch alles klar scheint, warum noch bedenken, überprüfen und nach Neuem streben? Genau deshalb ist die Qualität des deutschen „Bildungs“-wesens im internationalen Vergleich eher Mittelmaß, und deshalb werden wir zunehmend von sogenannten bildungshungrigen Nationen abgehängt.

Ist ein Ausweg aus der Bildungsmisere möglich?

Den Zugang zu Bildung, die eben keine mehr ist, zu verbreitern, bringt wenig. Ebenso wenig wie ein aufgrund seines untauglichen, weil halb garen Bildungsgedanken, untüchtiges Bildungswesen in immer andere Formen zu gießen. Besserung der Misere ist gegenwärtig nicht in Sicht, da die wirtschaftliche Verwertbarkeit von Bildungsabsolventen betoniert ist. Und gewünschte Funktions-Erfüller brauchen keine echte Bildung, sondern … prozedurales Wissen.

Dass die gesellschaftlichen Bildungsbeauftragten und einflussreiche Unternehmen sich und der Allgemeinheit angesichts internationalen Innovationsdruckes selbst schaden, ist klar. Doch die meisten Konzerne sind längst weltumspannend aufgestellt und können sich aus dem internationalen Fundus mit kreativen Selbstdenkern versorgen. Sie lieben die Funktionstüchtigen, die das Heimatland zu bieten weiß. Die politisch Beauftragten sind dabei so oft Kind der ungenügenden Bildung, dass das Hinterfragen derselben für sie kein Thema sein kann.

Didaktik und emotionale Stabilisierung in der Ausbildung

Was braucht es also? Orientierung wäre ein Anfang. Eine Grundausbildung in pädagogischen Mitteln für Hochschulprofessoren anzubieten, etwa. Erstaunlicherweise heißt es, dass exzellente Köpfe eher selten gut vermittelnde Lehrende seien. Geändert hat dies bis heute niemand – obwohl sie selbst den Bedarf durchaus erkannt haben und sich um Nachbesserung im Angebot eines wenig tauglichen, freien Marktes für Soft-Skill-Training mühen. Warum also nicht eine Grundausbildung in Didaktik während der Habilitation anbieten?

Und ähnlich: Warum zum Beispiel nicht Medizinern eine Grundausbildung in Selbsterhalt förderlicher Psycho-Hygiene anbieten, bevor man sie in die raue Wirklichkeit Schmerz geplagter Patienten entlässt (an der so viele zerbrechen … und wo sie dann eine enorme Dunkelziffer an Kunstfehlern produzieren)?

Früh ansetzen ist immer besser, als bestehende Missstände mit wirtschaftlicher Auswirkung zu bereinigen. Denn echte Bildung ist Persönlichkeitsentwicklung und gleichzeitig die beste Burn-out-Prävention aufgrund der mit ihr einher gehenden emotionalen Stabilisierung.

Wer hierzulande bisher glaubte, Persönlichkeitsentwicklung sei ein Automatismus, welcher beim Durchlaufen von Bildungs- oder eben Wissens-Akkumulation abliefe, und wem gewisse Institutionen das Ergebnis als mangelhaft beschieden, suchte wechselweise Eltern oder Schule den Schwarzen Peter zuzuschieben. Und eine ganze Industrie an Soft-Skill-Experten tritt an, um Mängel im Bereich der persönlichen Entwicklung zu verringern. Die haben allerdings ebenfalls nichts Besseres zu tun, als Benimm- und Veränderungsrezepte anzudienen. Dass dies wenig bringt, wird geahnt.

Wissensstandards oder individuelle Reife?

Gerade erst entsorgt wird eines der hemmendsten Postulate im Bildungswesen: dass nämlich alle Menschenhirne und damit deren persönliche Realität und Funktion wie Ansprüche gleich seien und gleich funktionieren würden. Seinen hemmenden und „Gleichmachen“ beauftragten Niederschlag fand es über die Jahrhunderte in unserem Kulturkreis in allen akademischen Disziplinen, die sich mit Erforschung des Menschen und seiner Erziehung auch nur im weitesten Sinne befassen. Im Ergebnis glaubt ein Großteil der Gesellschaft diesem Postulat und handelt alle künftigen Wissensträger und Wissens-Generierer nach gleicher Fasson ab.

Auffallen tut kaum, dass Auswendiglernen und späteres Bescheid-wissen-Müssen die einen unter- und die anderen überfordert, gar blockiert. Kreuzchen auf Fragebögen sagen kaum etwas über die inhaltliche Kapazität des Ausfüllers aus und ob ihm ein Verständnis des Angekreuzten eigen ist.

Überhaupt sind wir heute eine Gesellschaft der Postulate, die deren mangelnden Wert täglich mit gesundem Menschenverstand zwar bemerkt, sie gleichwohl ohne ordentliche Bestallung nicht zu bezweifeln sich erlaubt.

Entsprechend sinnvoll wäre es, dem Glücksspiel der Suche nach immer neuen Bildungsformaten zu entsagen und den politisch Verantwortlichen zuvorderst eine bessere Idee von Bildung als Instrument zur Reife-Beförderung zu vermitteln. Dann klappte es auch mit der Wirtschaft wieder.

Trotzdem: Regeln sind wichtig

Damit aus diesen Zeilen kein Credo gegen jede Regelbildung abgeleitet wird: Ja, wir brauchen Regeln. Denn wenn wir Gesetze formulieren, ermöglichen wir erst ein geordnetes Zusammenleben.

Doch sollten wir davon absehen, dieses Bedürfnis nach Regeln auf alle Bereiche auszudehnen und unseren Kindern jede geistige Flexibilität abzuerziehen, um einer mühelosen Abhandelbarkeit von herangezüchteten Funktionsträgern willen. Wir sind mehr als Kanonenfutter für eine scheinbar gesichtslose Marktwirtschaft, … die letztlich doch aus Menschen besteht, die aufgrund ihres jeweiligen Glaubens, ihres Vorstellungsvermögens und Wünschens Geschäft betreiben.

Vielleicht hilft es, sich immer wieder vor Augen zu bringen, dass es kein Wissen gibt, das etwas anderes als eine mehr oder minder akkreditierte Meinung darstellt, egal wie erhaben es formuliert und postuliert wird. Die Welt ist eben nicht flach, obwohl das einmal zum Grundwissen gehörte!

Und? Unsere Kinder und auch wir sind mehr als „Humankapital“, wollen wir uns einen Hauch des Rufes des Landes der Dichter und Denker bewahren.


Mehr zu diesem Thema bei http://www.armin-ruetten.de/

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