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Wenn die Ordnung der Zeit aus den Fugen gerät

Wer „auch nur mit flüchtiger Aufmerksamkeit den heutigen Zustand der Dinge mit dem vor fünfzehn bis zwanzig Jahren“ vergleicht, hatte Wilhelm von Humboldt 1797 festgehalten, der werde „nicht läugnen, dass eine grössere Ungleichheit darin, als in dem doppelt so langen Zeitraum am Anfange dieses Jahrhunderts herrscht“.

Doch wie reagieren Menschen, wenn die Gestalt ihrer Lebenswelt sich radikal verändert, wenn Unvorhergesehenes über sie hereinbricht und neue kulturelle Deutungsmuster für die Veränderungen erst gefunden werden müssen? Einen solchen Bruch in der Geschichte, eine unerhörte Zäsur, stellte die Französische Revolution 1789 dar. Im Rahmen einer interdisziplinären Tagung gehen Wissenschaftler an der Friedrich-Schiller-Universität Jena der Frage nach, wie Menschen ihre historischen Erfahrungen in neuer Weise modellieren.

„Erfahrungswandel. Zur Problemgeschichte der Verzeitlichung am Anfang der Moderne“, so ist die internationale Tagung überschrieben. Der Philosoph Dr. Helmut Hühn von der Forschungsstelle Europäische Romantik Jena (FERJ), der Kunsthistoriker Prof. Dr. Reinhard Wegner (Uni Jena) und der Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Michael Gamper (Uni Hannover) laden dazu vom 14. bis 16. September Fachkolleginnen und -kollegen sowie Musikwissenschaftler, Historiker, Soziologen, Politologen und Theologen nach Jena ein.

Als Ausgangspunkt der Tagung nennt Helmut Hühn Reinhart Kosellecks „Sattelzeit“-These. Der Historiker Koselleck zog das Bild eines Bergsattels heran, um die Übergangszeit zwischen Früher Neuzeit und Moderne zu umschreiben.

Er war der Ansicht, dass sich die zentralen Leitbegriffe der Epoche zwischen 1750 und 1830 von überzeitlich-statischen hin zu zeitlichen und zukunftsgerichteten gewandelt hätten. „Wir untersuchen fächerübergreifend die Dynamisierung und Verzeitlichung der Erfahrungswelten um 1800 und setzen uns damit in ein denkerisches Verhältnis zu unserer eigenen Vergangenheit“, sagt Hühn. Sei doch in den kulturellen Transformationen jener Schwellenzeit vieles von dem angelegt, was wir heute mit Moderne umschreiben: „In dem Bemühen, die Diskrepanz zwischen dem ‚Erfahrungsraum‘ der Vergangenheit und dem ‚Erwartungshorizont‘ der Zukunft zu bewältigen, entstehen Gestalten eines historischen Bewusstseins, die durch perspektivische Vielfalt, durch eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen charakterisiert sind“.

Die Jenaer Tagung findet als ein Rundgespräch der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) statt. Sie dient der Vorbereitung eines Antrags auf ein Schwerpunktprogramm, der im November gestellt werden soll. Die Tagung steht auch am Anfang einer Reihe von Konferenzen, bei deren Ausrichtung Universitäten eng miteinander kooperieren. Die nächste Tagung wird sich noch in diesem Jahr in Greifswald mit den Perspektiven der Romantik-Forschung heute befassen. „Wir bauen einen Kreis von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auf, die längerfristig eng zusammenarbeiten werden“, sagt Helmut Hühn.

Das Programm der Tagung in Jena ist öffentlich. Die Abendvorträge im Hörsaal des Universtitätsforums (August-Bebel-Straße 4) halten Prof. em. Dr. Heinz Brüggemann (Hannover) und Prof. em. Dr. Günter Oesterle (Gießen). Heinz Brüggemann spricht am 14. September um 18.15 Uhr zum Thema „Die Verzeitlichung der Einbildungskraft“, Günter Oesterle nimmt am 15. September um 19.15 Uhr „Reisen in und aus der Zeit“ unter die Lupe. Der Eintritt ist frei.

Das vollständige Tagungsprogramm ist zu finden unter:
http://www.ifp.uni-jena.de/ifpmedia/Erfahrungswandel.pdf

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