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Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena entdeckt Bücher des NS-Opfers Julius Schaxel

Die Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek (ThULB) Jena überprüft seit Jahren kontinuierlich ihre Bestände besonders aus den Jahren 1933/45. Hierbei ist auch festgestellt worden, dass sich rund 150 Titel aus dem Vorbesitz des jüdischen Wissenschaftlers Julius Schaxel in der ThULB befinden.

Auf das Angebot der ThULB hin, die 1934 von den Nationalsozialisten beschlagnahmten Bände an Schaxels Nachfahren zurückzugeben, haben sich diese für einen Verbleib der Werke in der ThULB entschieden. Dem gebürtigen Augsburger Julius Schaxel (1887-1943) wurde Jena zum Schicksalsort – positiv wie negativ. Hier vollzog sich sein Aufstieg zu einem der bedeutendsten Entwicklungsbiologen des frühen 20. Jahrhunderts. Hier erlitt er ebenfalls größte Erniedrigung während des nationalsozialistischen Regimes. Von seinem Lehrer Ernst Haeckel geprägt, erlangte Schaxel seine Promotion (1909) und Habilitation (1912) in Jena und wurde an der Universität 1916 Professor der Zoologie. 1918-1933 leitete er die Jenaer „Anstalt für experimentelle Biologie“. Er forschte zur Zellbiologie und Histologie sowie insbesondere zur Entwicklungsbiologie. Innovative Beobachtungen ergaben sich aus seinen Studien über den Axolotl. In seinen vielfach beachteten Stellungnahmen zur Frage der ontogenetischen Entwicklung der Lebewesen vertrat er früh die Position einer theoretischen Biologie und bereitete damit letztlich heutigen Theoremen einer evolutionären Entwicklungsbiologie („Evo-Devo“) den Weg.

Julius Schaxel war zudem politisch sehr aktiv. Als Mitglied der SPD und 1923/24 (Ober-) Regierungsrat im Thüringischen Ministerium für Volksbildung wollte er die Universität sozialistisch umformen, konnte sich jedoch mit seinem Anliegen nicht durchsetzen. Es folgten ein Aufenthalt in der Sowjetunion und Aktivitäten in der Arbeiterbewegung. Dies machte ihn zum Gegner der Nationalsozialisten. Kurz nach Hitlers Machtergreifung entzog die Universität Schaxel im März 1933 den Lehrauftrag. Auch unter dem Eindruck von Tätlichkeiten, die ihm widerfuhren, floh er im April in die Schweiz und übernahm 1934 in Moskau die Leitung des Laboratoriums für Entwicklungsmechanik. Ende 1934 wurden ihm die deutsche Staatsangehörigkeit und die Doktorwürde aberkannt; Mitte 1935 erfolgte sein Ausschluss aus der „Deutschen Gesellschaft für Vererbungswissenschaft“. Von Moskau aus beteiligte er sich an Aufrufen gegen das NS-Regime. 1943 verstarb Julius Schaxel in einem Moskauer Krankenhaus, offenbar weil er sich während einer Tätigkeit als Dolmetscher in einem Lager mit deutschen Kriegsgefangenen eine schwere Erkrankung zugezogen hatte. Nach Kriegsende gab sich die Leitung der Universität Jena unverändert beleidigt, weil Schaxel sie wegen ihrer nationalsozialistischen Umtriebe verbal angegriffen hatte. Erst 1948 machte der Rektor die Aberkennung des Doktortitels rückgängig. In Festkolloquien 1962 und 1987 würdigte die sozialistische Universität Jena Schaxels politische Ideale. Bis heute fehlt eine zeitgemäße wissenschaftliche Monographie über Julius Schaxel.

Als Schaxel 1933 emigrierte, musste er seinen Jenaer Hausstand zurücklassen. Dieser wurde im November 1934 beschlagnahmt, einschließlich der Privatbibliothek, für die Schaxel selbst eine Größenordnung von fast 10.000 Bänden nannte. Aus Akten ergibt sich, dass diese Bibliothek Mitte 1935 zum Großteil der „Zoologischen Anstalt“ in Jena zu „gesonderter Verwahrung“ zugesprochen wurde und nur ein kleinerer Anteil an die Universitätsbibliothek ging. Somit handelte es sich bei den rund 150 Titeln in der ThULB zweifelsfrei um Restitutionsgut.

Die von der ThULB umgehend gestartete Suche nach Erben Julius Schaxels erwies sich als kompliziert, führte aber, auch dank der Unterstützung der Arbeitsgruppe Biologiedidaktik und des Ernst-Haeckel-Hauses und einiger Zufälle, zum Erfolg. Es ergab sich der Kontakt zu einer der beiden Zwillingstöchter der dritten Ehefrau Schaxels, welche dieser (selbst kinderlos geblieben) im Zuge der Eheschließung 1941 in Moskau adoptiert hatte.

Da diese in Brno (Tschechien) lebende Adoptivtochter die einzige nachweisbare noch lebende Familienangehörige von Julius Schaxel ist, bot die ThULB an, ihr die aufgefundenen Bände zurückzugeben. Sie wollte aber auf diese Restitution verzichten, um die Bände für die Forschung an einem sinnvollen Ort greifbar zu haben, und übertrug der ThULB das Eigentumsrecht.

„Wir haben ihr versichert, dass die Bände auch weiterhin sorgsam verwahrt und den Nutzern zur Verfügung gestellt werden“, sagt Bibliotheksdirektorin Dr. Sabine Wefers. Alle Titel sind im elektronischen Katalog (OPAC) der ThULB durch einen entsprechenden Provenienzvermerk gekennzeichnet. „Für die Zukunft besteht nun noch das Desiderat aufzuklären, was mit jenem weitaus größeren Anteil der ehemaligen Bibliothek Julius Schaxels geschehen ist, der nicht in die ThULB gelangt ist“, so Wefers.

Kontakt:
Dr. Sabine Wefers, Dr. Joachim Ott
Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek (ThULB)
Bibliotheksplatz 2, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 940000, 03641 / 940085
E-Mail: ,


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