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Literat und Naturforscher

Dass Johann Wolfgang von Goethe nicht nur ein großer Literat war, sondern auch ein Naturforscher, und zwar ein sehr moderner, dieses Faktum will Olaf Breidbachs Buch „Goethes Naturverständnis“ seinen Lesern nahebringen. „Für jene, die sich Goethe bislang eher über das Literarische genähert haben, ist es wichtig zu verstehen, dass er sich selbst auch als Naturwissenschaftler verstanden hat.“

Dabei zielt Prof. Dr. Dr. Olaf Breidbach, Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik der Universität Jena sowohl auf geistes- als auch auf naturwissenschaftlich interessiertes Publikum ab. Er selbst wurde übrigens nicht nur in Biologie promoviert, sondern auch in Philosophie. Dass Goethe als Naturwissenschaftler durchaus ernst genommen wurde, zeigt sich nach Breidbachs Ansicht nicht zuletzt an der Rezeption, die sein Werk seitens namhafter Wissenschaftler wie dem Physiker und Physiologen Hermann von Helmholtz oder dem Bio- und Physikochemiker Manfred Eigen – als einem Gegner seiner Position – erfahren hat. Goethe, der unter anderem Administrator der Jenaer Universität war, suchte in der Naturforschung nach einer Alternative – sowohl zu einer der Erfahrung entfremdeten Spekulation als auch zu einer methodisch verkürzten Empirie.

Das jüngste Buch Olaf Breidbachs versteht sich selbst als ein Versuch, Goethes Naturverständnis zu skizzieren. Natur wird bei Goethe als Gestalt wahrgenommen. Entsprechend geht der Begriff der Morphologie, als der Lehre der Gestaltung, wie er in zahlreichen Disziplinen wie Biologie oder Anatomie Anwendung findet, auf Goethe zurück. „Morphologie bezeichnet für Goethe eine Wissenschaft der Naturanschauung, die diese Natur als Ganzes in ihren Teilen und in ihren Teilen als Ganzes wahrnimmt“, schreibt Olaf Breidbach. Die Teile stünden dabei nicht nebeneinander, sondern seien als Momente einer sich selbst konstituierenden Dynamik zu beschreiben; als eine in sich erwachsene und erwachsende Natur. Für Goethe ist diese Natur lebendig. „In ihrer Diversität der Formen“, heißt es bei Breidbach, „entfaltet sich für ihn ein Ganzes, das genau dadurch, dass es sich so in die Einzelheiten entlässt, in sich zu bestimmen ist.“

Goethes Naturverständnis war nicht jenes der Zergliederung. Denn – so heißt es in Goethes Schrift „Von den Vortheilen der vergleichenden Anatomie und von den Hindernissen, die ihr entgegenstehen“ – beim Vergleichen gewisser „Theile verschiedener Thiere“ bliebe es nichts als ein frommer Wunsch, „ein übereinstimmendes Ganzes zu sehen.“ Entsprechend werden die Grenzen der heutigen Wissenschaftsdisziplinen überschritten. Hier irrt Goethe nach Ansicht des Jenaer Forschers, führe die Anschauung des Ganzen doch zur Sympathie – nicht aber zum Begreifen.

Ungeachtet dessen: Professor Breidbach sieht in Goethes Naturverständnis nicht zuletzt einen Gewinn für wissenschaftliche Diskussionen der Gegenwart. Vor allem des Begriffs der Morphologie wegen, „der etwas anderes meint als ein statisches System.“ Noch heute arbeite die Wissenschaft viel mit der Anschauung. „In dieser Hinsicht sind wir heute noch nicht viel weiter als Goethe. Insofern zeigt er uns, wie man heute noch fragen kann.“ Auch verdeutliche Goethes Idee, dass Beobachtung im Sinne von bloßer Objektivierung nicht funktioniere. „Wir müssen das Subjekt viel ernster nehmen als wir es tun“, insistiert Olaf Breidbach. Zudem zeige der Einblick in Goethes Naturverständnis auch auf, „was nicht geht“ – nämlich das Wegdenken der einzelnen Disziplinen. Denn selbst die Interdisziplinarität erfordere zunächst einmal ein Zur-Kenntnis-Nehmen der disziplinären Grenzen.

Weitere Informationen unter: www.uni-jena.de