Sie befinden sich hier: Start » Intellektuelle zwischen Häme und Hochachtung

Intellektuelle zwischen Häme und Hochachtung

Die Affäre um den Hauptmann Alfred Dreyfus erschütterte den französischen Staat in seinen Grundfesten. Aber zugleich war die heftige Auseinandersetzung um den jüdischen Offizier am Ende des 19. Jahrhunderts die Geburtsstunde der Intellektuellen. „Mit diesem Begriff werden geistig Arbeitende bezeichnet, die sich außerhalb ihres Fachgebiets betätigen, also zum Beispiel in politischen Diskussionen Stellung beziehen“, sagt Tilman Reitz.

Der Juniorprofessor vom Laboratorium Aufklärung der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Historiker Prof. Dr. Thomas Kroll richten gemeinsam eine Tagung über „Intellektuelle in der Bundesrepublik Deutschland“ aus; sie konzentrieren sich dabei auf die 1960er und 1970er Jahre.Vom 29. bis 30. September werden im Senatssaal der Universität insbesondere strukturgeschichtliche Zusammenhänge untersucht: „Wir wollen schauen, wie Intellektuelle institutionell verankert sind in Kirchen, Verbänden und Gewerkschaften zum Beispiel“, sagt Thomas Kroll. Insgesamt solle es weniger um konkrete Personen, sondern mehr um den Typus des Intellektuellen gehen. Kroll und Reitz betreten damit Neuland, denn die Rolle der Intellektuellen in Deutschland ist noch wenig erforscht. „Natürlich kommen wir um Namen wie Habermas oder Enzensberger nicht herum“, sagt Tilman Reitz. Jedoch sei nicht daran gedacht, den „Brennpunkt 68“ zum zentralen Thema der Tagung zu machen. Vielmehr soll das gesamte politische Spektrum von links bis konservativ betrachtet werden.

Bezeichnenderweise wurde die Tagung untertitelt mit „Verschiebungen im politischen Feld der 60er und 70er Jahre“. Diese Zeit sei die Blütezeit der Intellektuellen in der Bundesrepublik gewesen, sagt Thomas Kroll. Dennoch dürfe nicht vergessen werden, dass dem Begriff des Intellektuellen von Anfang an eine negative Note anhaftete: „Intellektueller galt und gilt vielen als Schimpfwort“, so Kroll. Vor allem die Legitimation der Akteure werde immer wieder hinterfragt. Im wissenschaftlichen Diskurs hingegen findet man öfter auch positive Konnotationen: Der Soziologe und Philosoph Karl Mannheim sprach beispielsweise vom freischwebenden Intellektuellen. Dieser Begriff, auf Alfred Weber zurückgehend, rückt die Freiheit des Denkenden, seine geistige Unabhängigkeit in den Vordergrund.

Zum Auftakt der Tagung am Donnerstag (29. September) spricht Wolfgang Eßbach (Freiburg) um 14.15 Uhr im Senatssaal (Fürstengraben 1) über „Intellektuellensoziologie zwischen Ideengeschichte, Klassenanalyse und Selbstbefragung“. Im Anschluss daran erläutert Ingrid Gilcher-Holtey (Bielefeld) „Intellektuelle Rollenverständnisse aus zeithistorischer Sicht“. Zu diesen zwei Vorträgen sowie der gesamten Tagung ist die interessierte Öffentlichkeit herzlich eingeladen.

Kontaktpersonen: Prof. Dr. Thomas Kroll, Email: und Prof. Dr. Tilman Reitz, Email: