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Gebührenkompass: Studierende weinen Studiengebühren keine Träne nach

Studie der Universität Hohenheim: Zufriedenheit in Ländern mit Studiengebühren wächst – langsam. Die bundesweite Zahl der Gegner jedoch auch. 

Das schnell Ausführliche Detailergebnisse zu allen Ländern: www.gebuehrenkompass.de

Zu spät und zu langsam gelinge es den Universitäten, ihre Studierende in Sachen Studiengebühren annähernd zufrieden zu stellen, so der Eindruck von Prof. Dr. Markus Voeth von der Universität Hohenheim, der die Langzeitstudie „Gebührenkompass“ initiierte. „In Schulnoten bewegen wir uns immerhin langsam in Richtung ‚befriedigend’. 2008 war die Zufriedenheit mit der Verwendung von Studiengebühren an vielen Universitäten noch ‚mangelhaft’.“ Gleichzeitig sei die Zahl der Gebührengegner vor allem in den Bundesländern hochgeschnellt, die an Studiengebühren festhalten wollen. Wo Studiengebühren bereits abgeschafft wurden, sähen sich die Studierenden eher bestärkt und seien noch vehementer gegen Studiengebühren.

Vielleicht könnten sie sich doch noch anfreunden mit dem, was ihre Universitäten aus ihren Studiengebühren machen: „In Schulnoten ausgedrückt bewerten Deutschlands Universitätsstudierende ihre Universitäten immerhin mit einer „4+“ für die Gebührenverwendung“, zitiert Prof. Dr. Voeth vom Lehrstuhl für Marketing I aus der Umfrage des „Gebührenkompass“.

Im Jahr 2008 sei die Bewertung hingegen noch bei „4-5“ gelegen. „Seither hat sich die Zufriedenheit von Jahr zu Jahr verbessert“, so Prof. Dr. Voeth, „wenn auch in sehr kleinen Schritten.“

Auf Platz 1 in Sachen Gebührenzufriedenheit  liegt dieses Jahr erstmals das Bundesland Baden-Württemberg (Schulnote 3,5; Vorjahr: 4,0). Ihm folgen NRW (Note 3,7; Vorjahr: 4,1), Bayern (3,8, Vorjahr: 3,8) und Hamburg (3,8; Vorjahr: 4,2). Schlusslicht ist Niedersachsen (3,9; Vorjahr: 4,2). Die Studierenden in Hessen und dem Saarland, den Bundesländern, die Studiengebühren bereits abgeschafft haben, beurteilen ihre Zufriedenheit mit der früheren Verwendung der Studiengebühren rückblickend im Durchschnitt mit jeweils 3,8.

Langzeitstudie mit über 10.000 Teilnehmern

Ermittelt wurden die Noten als Teil einer aktuellen Umfrage des „Gebührenkompass“, die jährlich Gebühren-Akzeptanz und Verwendungszufriedenheit bei Universitätsstudierenden misst. 2011 beteiligten sich über 10.000 Studierende an der Umfrage, die dieses Jahr zum ersten Mal online durchgeführt wurde.

Interessant an den Ergebnissen der im Mai durchgeführten Befragung sind vor allem die Bundeslandvergleiche, da einige Bundesländer die Gebühren inzwischen wieder abschaffen wollen (Hamburg, NRW, Baden-Württemberg), andere an den Gebühren festhalten wollen (Bayern, Niedersachsen) und in Hessen und im Saarland die Gebühren schon wieder abgeschafft worden sind. „In Sachen Studiengebühren gleicht Deutschland einem großen Feldexperiment, das völlig unterschiedlich mit Gebühren experimentiert“, meint Prof. Dr. Voeth. „Wir waren deshalb besonders gespannt, wie sich die Unterschiede in der Landespolitik bei den Studierenden niederschlagen.“

Positive Erfahrungen in Hessen und dem Saarland

In Hessen und dem Saarland scheinen die Studierenden die Gebühren nach ihrer Abschaffung nicht zu vermissen. Laut Umfrage glauben nur 13 % der Universitätsstudierenden in Hessen, dass sich die Studienbedingungen seit Abschaffung der Gebühren verschlechtert hätten. Im Saarland sind es sogar nur 9 %.

„Ganz offensichtlich haben die Studierenden in Hessen und dem Saarland bislang keine negativen Erfahrungen mit der Abschaffung von Studiengebühren gemacht“, folgert Prof. Dr. Voeth. Offenbar scheint das Rezept der Landesregierungen aufzugehen, den Gebührenverlust an den Universitäten durch Haushaltsmittel auszugleichen.

Dagegen sei die Angst in den Ländern, die eine Abschaffung angekündigt hätten, viel größer: 41 % der Studierenden in NRW und Baden-Württemberg gaben an, dass sie mit schlechteren Studienbedingungen rechnen, sobald die Gebühren abgeschafft seien. In Hamburg sind es immerhin noch 28 %.

Entsprechend gering sei auch das Vertrauen in die Regierungen dieser Länder. Nur 26 % der Studierenden in Baden-Württemberg glauben, dass die Gebühren durch das Land voll ersetzt werden. 21 % sind es in Hamburg, 20 % in NRW.

Abnehmende Akzeptanz in Bayern und Niedersachsen

Deutlich kritischer sehen inzwischen auch die Studierenden aus Bayern und Niedersachsen das Thema „Studiengebühren“ – obwohl oder weil in ihren Bundesländern an den Gebühren festgehalten werden soll. „In Bayern und Niedersachsen ist die Akzeptanz regelrecht abgestürzt: Hier nahm die Zahl der Studierenden, die eine Abschaffung der Gebühren befürworten, um rund 13 (Bayern) bzw. 12 (Niedersachen) Prozentpunkte zu“, so Jenny Richter, eine der beiden Projektleiterinnen.

„Den höchsten Anteil der Abschaffungsbefürworter haben wir jedoch in Hessen und dem Saarland ermittelt – also den Ländern, in denen die Gebühren bereits abgeschafft wurden“, ergänzt Co-Projektleiterin Tatjana Becker.

Bundesweit liege die aktuelle Zahl der Abschaffungsbefürworter damit bei 72 %. An erster Stelle liegen Hessen (89 %) und das Saarland (84 %), gefolgt von Niedersachsen (82 %, Vorjahr: 70 %), Hamburg (76%, Vorjahr: 74 %), Bayern (74 %, Vorjahr: 61 %), NRW (67 %; Vorjahr: 71 %) und Baden-Württemberg (66 %, Vorjahr: 60 %).

Baden-Württemberg bevorzugter Hochschulstandort

Auf die Frage, wie gern Studierende in einem bestimmten Bundesland studieren, scheinen die Gebühren jedoch nur wenig Einfluss zu haben. „Im Bundesdurchschnitt geben 69 %  der Studierenden an, gern oder sogar sehr gern an ihrer Universität zu studieren“, so Prof. Dr. Voeth. Dabei unterscheiden sich Länder mit Studiengebühren (68 % studieren „gern“ oder „sehr gern“ hier) nur wenig von denen ohne Gebühren (hier studieren 71 % „gern“ oder „sehr gern“).

Erstmals auf Platz 1 in diesem Jahr ist das Land Baden-Württemberg (74,3 %) und das Saarland (73,5 %), gefolgt von Niedersachsen und Hessen (je 70,1 %). Danach kämen Bayern (70 %), NRW (61,3 %) und Hamburg (58 %).

Politisch überstürzte Gebühren-Einführung

„Die Ergebnisse zeigen, dass Befürworter von Studiengebühren derzeit stark in der Defensive sind“, so die Bilanz von Prof. Dr. Voeth. „Dort, wo es keine Gebühren mehr gibt, fühlen sich die Gegner durch die Politik bestätigt. Dort, wo Gebühren nicht zur Debatte stehen, haben die Gebührengegner durch das Beispiel der Nachbarländer ‚Blut geleckt’ und kämpfen noch intensiver für die Abschaffung.“

Im Rückblick sieht der Marketing-Experte vor allem die Einführung der Studiengebühren sehr kritisch: Zu schnell und zu unprofessionell sei die Einführung durch die Politik erfolgt: „Sollte die Politik noch einmal ähnliche Pläne verfolgen, sollte sie erkennen, dass man neue Hochschulfinanzierungsinstrumente intensiv vermarkten muss. Vor allem sollte den Universitäten die nötige Zeit gegeben werden, sich entsprechend vorzubereiten, um die Studierenden von Beginn an mitzunehmen und vom ersten Tag an Zufriedenheit bei ihnen zu erreichen.“

So seien die Universitäten von heute auf morgen gezwungen gewesen, Gebühren zu erheben, zu verteilen und in Projekten zur Verbesserung der Studienbedingungen einzusetzen. Da viele Universitäten hiermit überfordert gewesen seien, wäre Unzufriedenheit bei den gebührenzahlenden Studierenden die logische Folge gewesen – „mit der Konsequenz, dass die Unis nun jahrelang daran arbeiten müssen, die Zufriedenheit bei den Studierenden wieder zu heben. Unsere Studie zeigt, dass es nur in sehr kleinen Schritten möglich ist.“

An vielen Universitäten sei der Prozess zudem viel zu langsam abgelaufen, da die Unis zu spät erkannt hätten, dass sie sich bei diesem Thema um die Zufriedenheit der Studierenden bemühen müssten. Daher sei insgesamt fraglich, ob sich Studiengebühren als Finanzierungsinstrument in Deutschland noch erhalten lassen. Den Noch-Gebühren-Ländern Bayern und Niedersachsen stünden so unruhige Zeiten bevor.


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