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Forschungsprojekt: Verbraucher als Innovationsmotor

Im Rahmen des Projekts PICK-ME feilen Ökonomen der Universität Hohenheim an neuen Theorien – die auch aus der aktuellen Wirtschaftskrise helfen könnten.Jahrzehntelang wurden Innovationspolitik und Nachfragepolitik getrennt voneinander betrachtet und umgesetzt. Prof. Dr. Andreas Pyka von der Universität Hohenheim sieht darin eine der Ursachen für die Schwierigkeiten der Wirtschaftspolitik, gegen hohe Staatsverschuldung und Rezession vorzugehen.

Ein neuer Ansatz, der Nachfrage von Verbraucherseite und Innovation von Produzentenseite als gekoppeltes System betrachtet, soll nun den Boden für Ansätze bereiten, die volkswirtschaftliche Situation zu verbessern. Die EU fördert den Hohenheimer Anteil des Verbundprojektes mit über 200.000 Euro – und macht es damit zu einem der Schwergewichte der Forschung der Universität Hohenheim. Nach der Krise ist vor der Krise? Um einen Ausweg aus der Krise zu finden und wenn möglich die nächste zu verhindern, sind politisch gesteuerte strukturelle Veränderungen notwendig. Dabei spielt für die betroffenen Volkswirtschaften unter anderem eine erfolgreiche Innovationspolitik eine zentrale Rolle.

Das von der Europäischen Union geförderte Projekt „PICK-ME“ – das steht für „Policy Incentives for the Creation of Knowledge: Methods and Evidence“ – soll den Regierungen genau dabei helfen. Während nämlich herkömmliche innovations- und technologiefördernde Maßnahmen ihr Augenmerk ausschließlich auf die Angebotsseite, also auf Unternehmen und Produktion richteten, ist es nun an der Zeit, die Nachfrageseite, also den Verbraucher in die Planung mit einzubeziehen.

Europaweite Kooperation

Prof. Pyka und seine Kollegen von sieben über Europa verteilten Institutionen untersuchen deswegen seit Beginn des Jahres den Einfluss von Nachfrage auf Innovationen in der Wirtschaft. In welcher Weise nimmt der potenzielle Nutzer einer Neuerfindung Einfluss auf deren Entwicklung? Wie wird die Lücke zwischen dem Erfinder im Elfenbeinturm und dem Verbraucher im Wohnzimmer geschlossen und wo kann die Politik auf diesen Prozess unterstützend einwirken? Die Antworten auf diese Fragen werden Auswirkungen haben auf die Gestaltung von Bildungs-, Informations- und Verbraucherpolitik, auf die Verteilung von Subventionen oder auch die öffentliche Beschaffung. Nur so kann Innovationspolitik wirklich effizient sein, denn nur ein informierter Bürger, der entsprechend sensibilisiert und liquide ist, kann Innovationen mitgestalten und unterstützen.

Test in der virtuellen Volkswirtschaft

Und wie können solche Einflüsse auf unser komplexes Wirtschaftssystem untersucht werden? „Eine Volkswirtschaft eignet sich nicht für Experimente“, so Prof. Dr. Pykas trockene Erkenntnis. Deswegen hat er zusammen mit Prof. Dr. Pier-Paolo Saviotti vom Institute Nationale de Recherche Agronomique in Grenoble bereits vor zehn Jahren eine „virtuelle Volkswirtschaft“ aufgebaut: ein Computermodell, das die Entstehung neuer Industrien abbildet. Prof. Dr. Saviotti ist als Gastprofessor Mitglied im Hohenheimer Pick-Me Team. Auf Knopfdruck lässt es über geraffte Jahrhunderte hinweg Industrien entstehen, wachsen, zur Blüte bringen, untergehen und neue entstehen. Dieses Modell erweitert er nun im Rahmen von PICK-ME um das Element der Nachfrage.

Simulation zeigt günstige Zeitfenster für Innovationen

Der Nachfragende benötigt beispielsweise Wissen, Einkommen und Anreize um entsprechend auf die Volkswirtschaft Einfluss zu nehmen. Erweitert um diese „Stellschrauben“, kann der Computer in der Folge verschiedene Szenarien abbilden. Dabei helfen empirische Daten aus den Forschungen der europäischen Kollegen, das Modell den realen Bedingungen so gut wie möglich anzunähern.

Ziel des Modells ist es, einzelne Prozesse und ihre Zusammenhänge genau zu studieren. Außerdem identifiziert das System Situationen, in denen sich Umbrüche andeuten und die Zeit für Innovationen besonders günstig ist.

Ausgleich zwischen verfeindeten Theorieschulen

„Bislang haben sich Ökonomen meist damit beschäftigt, Volkswirtschaften in einem Gleichgewicht zu betrachten. In der Zeitung lesen wir bei den Wirtschaftsmeldungen jedoch nichts über Gleichgewichte, vielmehr stellen wohl Ungleichgewichte den Normalzustand dar. Damit rückt auch die Notwendigkeit in den Mittelpunkt sich mit dynamischen Prozessen in der Volkswirtschaft zu beschäftigen. In der evolutorischen Ökonomik steht der Wandel im Mittelpunkt, der wiederum vor allem durch Innovationen vorangetrieben wird“, so Prof. Dr. Pyka.

Durch den Ansatz, den Blick auf die Angebotsseite mit dem auf die Nachfrageseite zu koppeln, versuchen sich Prof. Dr. Pyka und Kollegen auch an einer Synthese der beiden dominierenden Wirtschaftstheorien des 21. Jahrhunderts. „Keynes und Schumpeter waren die beiden großen Protagonisten dieser Schulen, die sich auch privat spinnefeind waren. Wir versuchen, Keynes und Schumpeter posthum zu versöhnen.“ Konkrete Prognosen, was in realen Umbrüchen als nächstes passieren wird, bleiben jedoch trotz Computermodell eher schwierig. Dazu ist die Wirklichkeit zu komplex, die zufälligen Begebenheiten, die Einfluss auf die Entwicklungen nehmen, zu variabel. Dass die PKW’s mit Verbrennungsmotoren in 15 Jahren nicht mehr die Masse der Menschen transportieren werden, sei mehr oder weniger eindeutig. Ob es jedoch das Elektroauto sein wird, das sie ablöst oder ein anderes Gefährt, das vermag weder Prof. Dr. Pyka noch sein Modell zu prognostizieren.

Schwergewichte der Forschung

Fast 31 Mio. Euro an Drittmitteln akquirierten Forscher der Universität Hohenheim im vergangenen Jahr. In loser Folge präsentiert die Reihe „Schwergewichte der Forschung“ herausragende Forschungsprojekte mit einem Drittmittelvolumen von mindestens einer viertel Million Euro bzw. 125.000 Euro in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

Weitere Informationen unter:
https://www.uni-hohenheim.de/


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