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Am Zaun endet das Leben

Naturschutzgebiete an Ostseestränden zeigen es deutlich: Pflanzen wachsen nur bis zur Grenze der Gebiete, danach folgt nur noch blanker Sand. Dabei könnten zwischen der Vegetationslinie und dem Wasser über 100 Tier- und Pflanzenarten leben. Diese unglückliche Situation beschäftigt Professor Ulrich Irmler vom Institut für angewandte Ökologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) schon lange.

Jetzt will er mit dem Forschungsprojekt „Entwicklung eines Konzeptes zum nachhaltigen Schutz von Stränden der Ostseeküste“ die „tote Zone“ wieder beleben.  Franziska Seer hebt einen Trichter hoch, greift in ein etwa 20 Zentimeter tiefes Loch und holt ein Marmeladenglas mit etwas Sand und einem Styroporschwimmer hoch. Dann schüttet sie den Inhalt aus. „Guck mal, hier haben wir eine Flussuferwolfsspinne“, ruft sie. „Damit haben wir wahrscheinlich schon die gesamte Population der Arctosa cinerea hier am Strand erfasst“, antwortet Professor Ulrich Irmler. In einer der 153 Fallen am Behrensdorfer Strand hielt sich auch schon eine alte Bekannte auf. Erst mit der Lupe ließ sich die verwitterte Markierung auf dem Rücken erkennen. Um Spinnen zu markieren, nutzt Wissenschaftlerin Seer ein kleines Plättchen mit Ziffern und einen einfachen lösungsmittelfreien Kleber. Doch nur ausgewachsene Spinnen kann sie markieren. Solange die Wolfsspinnen noch wachsen, häuten sie sich häufiger.

Im Fokus ihrer Forschung haben die Professoren Ulrich Irmler und Joachim Schrautzer sowie die wissenschaftliche Mitarbeiterin Franziska Seer einen kleinen Strandbereich, der etwa zehn Meter hinter dem Wasser beginnt und rund fünf Meter vor der Vegetationslinie endet.

Hier könnten viele Pflanzen und Tiere leben, wenn nicht die Füße der Menschen sie zerstören würden. Gemeinsam wollen die drei Forscher ein neues Konzept entwickeln, mit dem wieder mehr Leben an den Ostsseestränden einzieht. Dazu beobachten sie drei kleine Strandabschnitte an der Ostsee: den Behrensdorfer und den Stakendorfer Strand sowie einen Strandabschnitt an der Schleimündung. In den drei Naturschutzgebieten lassen sich hervorragend wissenschaftlich Populationen zählen und Pflanzen beobachten. Die Populationsgröße und den notwendigen Lebensraum für eine überlebensfähige Population festzustellen, ist der erste Schritt des auf vier Jahre angelegten Forschungsprojektes.

Damit die Bestimmung der Populationsgröße wissenschaftlichen Anforderungen standhält, kennzeichnen die Forscherin und der Forscher jedes Tier. „Schau mal, hier sind gleich vier Käfer drin“, sagt Franziska Seer. „Heute ist wirklich ein guter Tag. Jetzt haben wir 29 Käfer markiert“, sagt sie. Professor Ulrich Irmler kann sich das Lächeln nicht verkneifen. Der Leiter des Projekts freut sich ebenfalls über die vielen Kopfkäfer (Lateinisch: Broscus cephalotes), die in die Fallen gegangen sind. Mit einem kleinen Bohrer kratzt er leicht die Panzerung an und markiert so die Funde. „Du musst den Käfer an drei Beinen festhalten, dann zappelt er nicht so ’rum. So kannst du ihn besser markieren“, erklärt er. Heute begleitet er ausnahmsweise seine Mitarbeiterin, um ihr zu zeigen, wie die Käfer richtig gekennzeichnet werden.

Zudem will das Team wissen, wie viele Schritte sich im Durchschnitt auf vier Quadratmeter Sandfläche befinden. „Der Vertritt an Stränden durch die Gäste hat die gleiche Wirkung wie der Einfluss von Wind und Wellen. Dort, wo er zu stark ist, wachsen keine Pflanzen mehr und auch Tiere bauen dort keine Wohnhöhlen“, erklärt Irmler. Um herauszufinden, wie viele Schritte an den Stränden gemacht werden, greift Franziska Seer alle zwei Tage zur Harke und glättet sieben Flächen. „Bei Regen lohnt es sich nicht, dann kann ich keine Schritte zählen. Bisher bin ich im Durchschnitt auf zwölf gekommen“, sagt sie.

Das Projekt hat im Juni begonnen. Durch die Unterstützung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und der Lighthouse Foundation konzentriert sich das Team in den kommenden vier Jahren darauf, ein realitätsnahes Konzept zu entwickeln. Das ist im Ergebnis auch von den Gemeinden abhängig. Ohne deren Einwilligung wird eine gelungene Wiederansiedlung von Tieren und Pflanzen nicht funktionieren.

Kurz darauf sitzen die beiden schon wieder im Auto. Es geht zum Stakendorfer Strand. Dort hat das Team im Juni eine Population von 25 Strandlaufkäfern ausgesetzt. Doch der Besuch ist ernüchternd. Nicht einen Käfer bekommen die beiden zu sehen. Kurzfristig macht sich Enttäuschung breit. Vielleicht sind die beiden aber auch zu spät dran, denn die aktive Phase der Cicindela maritima endet gegen Mittag. „Wir wollen die Art hier wieder ansiedeln. Sie ist durch den enormen Freizeitverkehr vom Aussterben bedroht. Daher wäre es schade, wenn die Population nicht überlebt hätte“, erläutert Irmler.

Im kommenden Jahr stehen die Pflanzen auf dem Programm. Franziska Seer hat vier verschiedene Arten ausgewählt: Salzmiere, Meersenf, Stranddistel und Meerkohl. Alle Arten sind auf dem abgesperrten Strandabschnitt heimisch. In den übrigen Bereichen ist von diesen Pflanzen indes nichts zu sehen. Nach der Bestandsaufnahme in diesem und im kommenden Jahr wird das Team drei Versuchsflächen schaffen.

Auf ihnen werden dann die entsprechenden Pflanzen angesetzt. Dafür arbeiten die Wissenschaftlerin und die Wissenschaftler eng mit dem Botanischen Garten der CAU zusammen. Hier werden die Samen gezogen, um ausreichend Pflanzen für das Projekt vorzuhalten. Im Verlauf des Tests wollen die Forscherin und die Forscher erfahren, welche Auswirkungen die unterschiedliche Intensität des Vertritts auf Fauna und Flora hat. Im Einzelnen wird die Populationsdynamik, die Höhenentwicklung, die Blattzahl und -länge, die Blüten- und Fruchtbildung als auch der Schädigungsgrad untersucht. „Wir wollen drei Abschnitte aufbauen. Der erste soll nicht betreten werden. Auf dem zweiten wollen wir wahrscheinlich einen Vertritt von sechs Tritten schaffen und auf dem dritten sollen es zwölf Tritte sein“, erläutert Leiter Irmler. In vier Jahren wird es ein Konzept geben, das wieder mehr Leben an den Strand bringt.

Weitere Informationen unter:
Prof. Dr. Ulrich Irmler
Institut für Angewandte Ökologie
Tel. 0431/880-4311
E-Mail:


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