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Interview zum Thema Work-Life Balance

Privatleben und Arbeit – Wie gelingt die Balance zwischen diesen beiden Bereichen? Nicht nur Arbeitnehmer stellen sich diese Frage, auch im Personalwesen von Unternehmen hat die Zufriedenheit und Gesundheit des Arbeitnehmers an Priorität gewonnen. Prof. Dr. Uta Kirschten lehrt u.a. an der AKAD University und hat zu dem Thema ein Sachbuch verfasst. Im Interview stellt sie sich unseren Fragen.

Interview mit Prof. Dr. Uta Kirschten, Professorin für Personalmanagement

Frau Prof. Dr. Uta Kirschten, unser Leben wird immer schneller: Mobiles Internet und Smartphones lassen uns überall erreichbar sein und die Grenze zwischen Privat- und Berufsleben verwischt zusehends. Vor welchen Herausforderungen stehen wir heutzutage, wenn wir Job, Familie und Freizeit unter einen Hut bringen wollen?

Prof. Dr. Uta Kirschten: Eine große Herausforderung besteht in der steigenden Vielfalt und auch Komplexität der Anforderungen, die Job, Familie und Freizeit an uns stellen. Die steigende Verbreitung und Nutzung elektronischer Kommunikations- und Informationstechnologien (Internet, Smartphone, Tablet) ermöglichen zwar eine hohe örtliche und zeitliche Flexibilität insbesondere bei der Bewältigung beruflicher Anforderungen und Aufgaben, allerdings bewirken sie auch eine steigende Entgrenzung zwischen der Arbeitswelt und dem Privatleben (Familien- und Freizeitleben).

Im Interview

Prof. Dr. Uta Kirschten lehrt u.a. an der AKAD University.

Prof. Dr. Uta Kirschten

So ist die Bearbeitung beruflicher Anfragen oder Aufgaben auch nach der eigentlichen Arbeitszeit (z.B. am Abend oder am Wochenende) mittlerweile für viele Erwerbstätige zur Normalität geworden. Dadurch verwischen die Grenzen zwischen dem Arbeits- und Privatleben zusehends, was mit der Gefahr verbunden sein kann, dass es einem steigenden Anteil an Erwerbstätigen immer schwerer fällt, von den beruflichen Anstrengungen mal abzuschalten und sich im Privatleben zu regenerieren.

Zusätzliche Belastungen entstehen insbesondere für Familien, die neben ihrer Berufstätigkeit noch ihre Kinder betreuen, wobei hier häufig zeitliche Unvereinbarkeiten (Öffnungszeiten von Kindergärten, Hort, Schulzeiten versus Arbeitszeiten der Eltern) zu hohen Belastungen der Eltern führen. Als weiterer Belastungsfaktor für Familien ist die Betreuung pflegebedürftiger Familienmitglieder (z.B. die Eltern), der ggf. mit Kindern und Berufstätigkeit auch noch zu bewältigen ist. Nicht zuletzt werden auch an die Freizeitgestaltung oft hohe Ansprüche gestellt, so dass auch das Privatleben häufig eher anstrengend als erholsam ist.

Wir sind also häufig einem hohen Stresslevel ausgesetzt. Was sind weitere Folgen dieses Ungleichgewichts zwischen Privat- und Berufsleben? Wie kann der Arbeitnehmer diesem Missverhältnis aktiv entgegenwirken?

Buchtipp

Work-Life-Balance: Herausforderungen -
Konzepte – Praktische Erfahrungen

Prof Dr. Uta Kirschten stellt in ihrem Sachbuch über das Thema Work-Life-Balance verschiedene Konzepte für Unternehmen und Betroffene dar.

UK: Dieses Ungleichgewicht führt zu einer Vielfachbelastung der Erwerbstätigen, der häufig zu geringe Regenerationsmöglichkeiten und –zeiten gegenüber stehen. Besorgniserregend ist z.B. der stark gestiegene Anteil an berufsbedingten psychischen Erkrankungen (z.B. Burnout, Workaholismus, Depressionen, Erschöpfungszuständen) von Arbeitnehmer, was sich auch für die Arbeitgeber als sehr belastend auswirkt.

Häufig sind die Erwartungen der Arbeitgeber an den Arbeitseinsatz und die Erreichbarkeit der Mitarbeiter auch sehr hoch und in Zeiten zunehmend unsicherer Beschäftigungsverhältnisse fällt es vielen Arbeitnehmern nicht leicht, sich hier deutlich abzugrenzen. Dennoch sollten Mitarbeiter versuchen, für sich selbst bewusste  Arbeitszeitgrenzen zu setzen bzw. diese ggf. auch vom Arbeitgeber einzufordern. Unternehmen, die die negativen Auswirkungen einer zu starken Arbeitsbelastung erkannt haben, setzen teils schon feste Arbeitszeitbegrenzungen für ihre Mitarbeiter durch.

Heute wissen also viele Arbeitgeber:  Wenn es den Beschäftigten schlecht geht, leidet auch das Unternehmen darunter. Mitte der 90er Jahre haben bereits die ersten Unternehmen in Deutschland begonnen, sich mit dem Thema Work-Live-Balance zu beschäftigen. Wie haben sich die Unternehmen seither in diesem Bereich verändert?

UK: Der Anteil der Unternehmen, die sich mit dem Thema Work-Life-Balance beschäftigen, ist seit den 1990er Jahren deutlich gestiegen. Unterstützt wurde diese Entwicklung u.a. auch von der Unternehmensinitiative und dem Unternehmensnetzwerk „Erfolgsfaktor Familie“. Dennoch gibt es bei vielen Unternehmen immer noch „Verbesserungsbedarf“ im Hinblick auf die Angebote zur besseren Vereinbarkeit beruflicher, familiärer und privater Herausforderungen.

In erster Linie beschäftigt sich das Personalwesen mit der Balance zwischen Arbeit und Privatleben. Wie gehen Personaler mit dem Thema Work-Life-Balance um? Welche Maßnahmen werden konkret ergriffen?

UK: Das Personalmanagement ist hierbei ein ganz wichtiger Akteur mit seiner Fachkompetenz im Umgang mit den Mitarbeitern und der Gestaltung der Arbeitsbedingungen. Es gibt eine Vielfalt an Maßnahmen die zur Förderung einer WLB beitragen können; dazu zählen  arbeitsorientierte Maßnahmen (Gestaltung der Arbeitszeit, des Arbeitsortes aber auch der Arbeitsbedingungen), aber auch Maßnahmen zur gezielten Unterstützung von Familien (z.B. im Bereich der Kinderbetreuung, von Wiedereinstiegsprogrammen und der Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger), aber auch Angebote zur Weiterbildung und Karriereförderung z.B. auch bei Teilzeitbeschäftigungen (z.B. auch bei Führungskräften). Die jungen Arbeitnehmer der Generation Y, die mittlerweile in den Arbeitsmarkt eintreten, bringen ihre Wünsche nach einer ausgeglichenen WLB häufig schon deutlich zum Ausdruck.

In Ihrem Buch „Work-Life-Balance: Herausforderungen – Konzepte – Praktische Erfahrungen“ stellen Sie verschiedene Konzepte für Unternehmen und Betroffene vor. Können Sie uns hier ein Beispiel nennen,  wie sich die Unterstützung der Arbeitnehmer positiv auswirkt?

UK: Unterstützen Unternehmen ihre Mitarbeiter im Hinblick auf eine ausgeglichener WLB durch entsprechende Angebote und Maßnahmen, so fördert das nicht nur die Motivation und Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter, sondern auch ihre Gesundheit und insbesondere ihre Bindung zum Arbeitgeber, was in Zeiten des demografischen Wandels und einem steigenden internationalen Wettbewerb – auch um Arbeitskräfte – für die Unternehmen immer mehr an Bedeutung gewinnt.

An wen richtet sich das Handbuch?

UK: Mein Buch richtet sich an alle, die sich mit dem Thema Work-Life-Balance ausführlich beschäftigen möchten, die sich neben möglichen Zielgruppen und Maßnahmen zur Umsetzung einer WLB im Unternehmen auch für die Hintergründe, Einflussfaktoren, Erklärungsmodelle und Risiken einer Unvereinbarkeit der verschiedenen Lebenswelten interessieren. Insofern spricht es sowohl Studierende und Wissenschaftler an, als auch Praxisvertreter aus Unternehmen und Beratung.

Die Work-Life-Balance wird sich in Zukunft weiter verändern. Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung ein?

UK: Die detaillierte Auseinandersetzung mit WLB ist noch recht jung, insofern besteht hier noch deutlicher Forschungsbedarf, aber auch Bedarf an der Entwicklung unternehmensbezogener Konzepte zur Umsetzung einer besseren Vereinbarkeit der verschiedenen Lebenswelten. So vielfältig, dynamisch und komplex die Anforderungen und Veränderungen unserer heutigen Arbeitswelt sind, so sehr brauchen wir flexible Konzepte zur Unterstützung der Vereinbarkeit der verschiedenen Lebenswelten, hier stehen wir eher noch am Anfang.

Wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch.

Das Handbuch von Prof. Dr. Uta Kirschten ist Teil der wissenschaftlichen Buchreihe des AKAD Forums, einer wissenschaftlichen Schriftenreihe der seit Januar bestehenden AKAD University.


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