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Praktikum mit Uni-Abschluss – Ausbeute oder Berufseinstieg?

Praktikum mit Uni-Abschluss: Ausbeute oder Berufseinstieg?

Das vieldiskutierte Praktikum – Segen oder Fluch, und dann noch einer ganzen Generation? Und geht die Gleichung “Uni-Abschluss + Praktikum = Berufseinstieg” wirklich auf? Wir gehen dem Mythos der “Generation Praktikum” auf den Grund.

Wer hätte das gedacht – die „Generation Praktikum“ hat sogar einen Wikipedia-Eintrag. Dort wird sie beschrieben als „ein von vielen als negativ empfundenes Lebensgefühl der jüngeren Generation, die vermehrt unbezahlten oder minderbezahlten Tätigkeiten in ungesicherten beruflichen Verhältnissen nachgehen muss.“ Und obwohl im Studium immer wieder gepredigt wird, Wikipedia nicht zu zitieren, trifft dies das Gefühl vieler Absolventen wohl auf den Punkt. Der „Generation Praktikum“ gebührte immerhin der zweite Platz bei der Wahl zum Wort des Jahres 2006. Glückwunsch?

Während die Elterngeneration meist noch direkt im Anschluss an ihre Ausbildung oder ihr Studium einen Job fand, sitzt heute mancher Akademiker auf der Straße – oder, um dies zu umgehen, im Praktikantenbüro. Und wer dort einmal gelandet ist, scheint, Statistiken und den Erfahrungen Betroffener zufolge, nur selten den Absprung zu schaffen. Ist die Hoffnung, mit einem Praktikum endlich in den Beruf einzustiegen, also nur ein Mythos?

Das Praktikum – auf der Suche nach dem Sinn

Welchen Sinn hat eigentlich das viel beschimpfte Praktikum? Früher war diese Frage noch leicht zu beantworten. In ein Unternehmen reinschnuppern, den Berufsalltag und die typischen Aufgabenfelder kennenlernen um schließlich, nach einigen Wochen, sagen zu können „Das ist es!“ – oder eben nicht.

Heute scheint dieser Sinn manchen Praktikanten – oder den Praktika – abhanden gekommen zu sein. An Stelle des Suchens nach dem Sinn tritt die (verzweifelte) Suche nach einem Job und die Hoffnung, diesem durch ein Praktikum ein Stück näher zu kommen. Oder, wenn dies nicht direkt klappt, eben einem besseren Praktikum. Und damit dann dem Berufseinstieg. Oder aber einem besseren Praktikum …

„Berufserfahrung von Vorteil“

Praktika werden insbesondere von Studenten der Sozialwissenschaften und Psychologie sowie der Geistes- und Kulturwissenschaften gemacht. Der Run auf die Praxiserfahrung ist schnell erklärt: Möchte man sich in diesem Bereich auf eine Festanstellung bewerben, wird neben einem guten Abschluss vor allem Folgendes verlangt: Berufserfahrung. Und wie kann man die während des Studiums anders erwerben als durch Praktika? Selbst die Suche nach Möglichkeiten für den Berufseinstieg in Stellenbörsen liefert als erstes Praktikastellen. Und davon einige.

Kaffee kochen oder hart arbeiten für lau?

Nun gibt es solche Praktika und solche. Die, vor denen es jedem im Vorfeld graust (Kaffee kochen und Pressemappen zusammenstellen). Diese Praktika dauern meist nicht so lang, höchstens und hoffentlich nur drei Monate. Und es gibt längere Praktika. Mit der Länge der Praktika steigt dann auch die Wahrscheinlichkeit, dass der Praktikant nicht mehr nur „schnuppert“, sondern regulär, wie alle anderen Beschäftigten auch, arbeitet – nur für weniger Geld. Im Schnitt dauern Praktika von Absolventen 4,8 Monate. Das bringt uns zu der Frage:

Was genau macht Praktikanten so reizvoll für Unternehmen?

Punkt eins: Praktikanten sind billig. Manche Praktika sind gar nicht bezahlt, durchschnittlich liegt die Bezahlung laut einer Studie der DGB-Jugend, FU Berlin und Hans-Böckler- Stiftung bei 550 Euro im Monat. Wer sich die Praktikaanzeigen durchliest, der denkt schnell an eines: Ausbeute. Und siehe da, die Suche nach den Begriffen „Praktikum“ und „Ausbeute“ in der größten Suchmaschine liefert 204.000 Ergebnisse. Von „Praktikum – nur Ausbeute?“ bis hin zu „Praktikumslohn in Deutschland“. Und von dem allein kann kein Praktikant leben.

Punkt zwei: Unternehmen können schon im Praktikum abwägen, ob die Praktikanten sich auch als feste Arbeitnehmer eignen würden. So können sie den Kündigungsschutz umgehen, der verhindert, dass Unternehmen Arbeitskräfte nur kurzfristig einstellen und bereits nach kurzer Zeit wieder entlassen.

Punkt drei: Temporäre Lücken schließen. Viele Unternehmen nutzen Praktikanten gezielt dazu, temporäre Lücken in der Personalplanung zu schließen. Zum Beispiel zur Erstellung bestimmter Projekte. „Scheinpraktika“ nennt die DGB-Jugend diese hochqualifizierten Absolventen, die keine wirklichen Praktika machen, sondern reguläre Stellen ersetzen.

Die Frage bleibt: Was bringen Praktika den Praktikanten, dass so viele junge Menschen sich dies „gefallen“ lassen?

Das bringen Praktika wirklich für den Berufseinstieg

Eine Studie der DGB-Jugend, FU Berlin und Hans-Böckler- Stiftung mit 674 Absolventen von vier bundesdeutschen Universitäten hat die Qualität von Praktika und deren tatsächlichen Nutzen für den Berufseinstieg untersucht. Die Befragten haben durchschnittlich vier Praktika während ihres Studiums absolviert. Die Hälfte aller Praktikanten machte das Praktikum, weil sie sich im Anschluss einen Job erhoffte – für 22 Prozent erfüllte sich dieser Wunsch. 22 Prozent von 50 Prozent der Praktikanten – das ist nicht viel! Leider zeigt die Studie auch, dass die Qualität der Praktika nach dem Studium zu wünschen übrig lässt. So wurden fast alle Praktikanten als vollwertige Arbeitskräfte eingesetzt. Harte Fakten, bittere Realität mit dem Fazit: Die Hoffnung auf eine Übernahme wird nur bei wenigen realisiert.

Ebenso schockierend ist, dass nicht in erster Linie Stellen für Hochschulabsolventen über interne Praktika besetzt werden, sondern häufig Arbeitsplätze, die einen mittleren Berufsabschluss, wie z.B. eine kaufmännische Ausbildung, erfordern (vgl. IAB Kurzbericht).

Was kann man also tun, um ohne Praktika einen Job zu finden?

Was kann die „Generation Praktikum“, die ihre minderbezahlte Tätigkeit zu Recht negativ empfindet, tun, um davon wegzukommen? Wie kann sie einen Berufseinstieg finden, ohne ständig auf eine Liste von Praktika zurückblicken zu müssen? Wehrt diese Generation sich zu wenig dagegen, nimmt sie es einfach hin, ausgebeutet zu werden – oder gibt es schlichtweg keinen Weg, ohne Praktikum erfolgreich zu sein?

Anläufe und Ideen gab es bereits viele. So fordert die DGB-Jugend eine zeitliche Begrenzung von freiwilligen Praktika auf drei Monate. Damit soll sichergestellt werden, dass ein Praktikant nicht als billige Arbeitskraft missbraucht wird. Besonders kreative Studenten haben sogar schon Petitionen beim Bundestag eingereicht, die fordern, dass Praktika von Hochschulabsolventen nach drei Monaten automatisch in ordentliche Arbeitsverhältnisse umgewandelt werden. Und auch eine Resolution, die ein Grundgehalt, keinen Ersatz von Arbeitsplätzen durch Praktikanten und eine begrenzte Praktikumsdauer fordert, gab es schon.

Einen guten Ansatz verfolgt der 2004 gegründete Verein fairwork e.V., der es sich zur Aufgabe macht, die schlechten Arbeitsbedingungen von Hochschulabsolventen zu verbessern. Die Forderung nach der Abgrenzung von Praktika zu Arbeitsverhältnisse und einer Vergütung von mindestens 300 Euro pro Monat unterschrieben über 60.000 Menschen. Der Verein plant zudem den Aufbau einer Datenbank, in der Unternehmen bewertet werden können.

Noch hapert es an der Umsetzung dieser Ideen. Wie das funktionieren kann macht z.b. Nachbarland Dänemark vor. Dort versteht man unter einem Praktikum ein befristetes Arbeitsverhältnis zu gesetzlichen Mindeststandards.

Denn natürlich bringen Praktika etwas – für den persönlichen Erfahrungsschatz, das soziale Verhalten, das Netzwerk – und somit nicht nur für den Lebenslauf. Zurück zur Idee unserer Eltern, hinter deren Praktika noch diese Gründe, dieser Sinn steckte – auch für die Unternehmen. Denn die Erfolgsgeschichten, in denen Praktikanten im Anschluss an ihr Praktikum direkt im Unternehmen bleiben dürfen, bleiben leider Ausnahmen.


Mehr Artikel von Sarah Dreyer

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