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Medienhype führt zu Ingenieur-Überangebot

Fachkräftemangel – geschwächtes Wirtschaftswachstum – Deutschland fehlen die Ingenieure! Seit unser Land die Krise überwunden hat, ist der Mangel an ausgebildeten Fachkräften wieder in aller Munde. Nicht nur die Medien berichten über das Thema, sondern auch Karriereexperten beteiligen sich wieder verstärkt an der Debatte um den Fachkräftemangel.

Immer wieder werden in der Diskussion auch hervorragende Berufsaussichten für Absolventen der betroffenen Fachrichtungen – insbesondere der Ingenieurswissenschaften – prognostiziert. Dies ist den Experten auch kaum zu verdenken, wird die These vom Fachkräftemangel doch von renommierten Institutionen wie der Bundesagentur für Arbeit oder dem Verein Deutscher Ingenieure befeuert.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat 2012 eine Studie veröffentlicht, welche diesen Mutmaßungen nun aber widerspricht – zumindest hinsichtlich des Fachkräftemangels bei den Ingenieuren. Die Spezialisten des Instituts entlarvten die statistischen Werte als übertriebene Warnungen; Warnungen, die insbesondere in der digitalen Welt schnell Anklang bei jungen Menschen gefunden haben. Verstärkte Nachfrage sowie die enorm angestiegene  Anzahl von Absolventen der Ingenieurswissenschaften sind die ersten erkennbaren Folgen des „Alarmismus“.

Was genau sagen die Institutionen?

Die Bundesagentur für Arbeit sieht im Allgemeinen keinen Fachkräftemangel auf dem Arbeitsmarkt, weist aber auf Engpässe in bestimmten Berufszweigen hin: Derzeit fehlten Fachkräfte in diversen Ingenieursberufen, unter anderem in der Elektrotechnik oder im Fahrzeug- und Maschinenbau.

Das Institut der Deutschen Wirtschaft sieht gar das Wirtschaftswachstum in Deutschland in Gefahr: Es heißt, dass der Ingenieurmangel bereits jetzt zu dem Verlust von Wertschöpfung in der Volkswirtschaft führe. Die Verluste für das letzte Jahr beziffert das Institut auf circa 10 Milliarden Euro.

Auch der Verein Deutscher Ingenieure beschwört einen Ingenieurmangel in Deutschland. In einem vor kurzem veröffentlichten Bericht gibt der Verein an, dass das Durchschnittsalter von Ingenieuren momentan bei ungefähr 50 Jahren liegen würde. Dies bedeute im Umkehrschluss, dass 50% aller Ingenieure binnen der nächsten 10 bis 15 Jahre in Pension gehen werden. Die Schlussfolgerung des VDI auf der Basis dieser Erkenntnisse ist ein Neubedarf von knapp 40.000 Ingenieuren jährlich.

Was meint das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung zu diesen Aussagen?

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung widerspricht diesen Angaben. Karl Brenke – Experte für Konjunkturanalyse und Prognose – erklärt, dass die Aussagen über das durchschnittliche Alter nicht zutreffend seien. Das Institut hat eine zusätzliche amtliche Erhebung durchgeführt und festgestellt, dass das Durchschnittsalter der Ingenieure in der Realität bei 43 bis 44 Jahre liegt. Lediglich 30% seien über 50 Jahre alt, und davon wiederum nur knapp die Hälfte  55 oder älter. Auch scheiden aus der Altersgruppe der über 55-jährigen nur etwa 20.000 Ingenieure jährlich aus. Ergänzend erläutert Brenke, dass es über den Ersatzbedarf hinaus einen Expansionsbedarf gäbe. Dies sei auf die positive Konjunkturentwicklung zurückzuführen, welche ebenfalls die verfügbaren Arbeitsplätze für Ingenieure in die Höhe getrieben habe (knapp 11.000 pro Jahr). Somit ergäbe sich schlussendlich eine Summe von circa 31.000 freien Stellen (zusammengerechnet mit den 20.000 Ingenieuren, die jedes Jahr in Pension gehen).

Und nun der Clou des Ganzen: Der genannten Summe stehen bereits jetzt eine viel höhere Anzahl von Absolventen der Ingenieurswissenschaften und verwandten Studiengängen gegenüber. 2010 haben circa 50.000 künftige Ingenieure ihr Studium mit Erfolg abgeschlossen. Von einem Fachkräftemangel bei den Ingenieuren kann angesichts dieser Zahlen keine Rede sein.

Welche Rolle spielen die Medien in diesem Zusammenhang?

Die medienwirksam verbreiteten Nachrichten über den Fachkräftemangel haben offenbar einen großen Einfluss auf junge Menschen (sowie ihre Bezugspersonen), die sich gerade in der Orientierungsphase befinden und eine Entscheidung über ihren weiteren beruflichen Werdegang treffen müssen.

Die Wirkung der Medien auf die Gesellschaft wird anhand dieser Entwicklung noch einmal verdeutlicht und zeigt, dass die Medien auch großen Einfluss auf die reale Welt haben können. Es ist damit zu rechnen, dass die Anzahl von Studienabsolventen in naher Zukunft noch weiter steigen wird. Nachweislich gab es nämlich in den letzten Jahren – schlussendlich auch auf Grund des Hypes in den Medien – eine hohe Nachfrage für Studiengänge im Bereich der Ingenieurswissenschaften. So ist beispielsweise die Anzahl von Studienanfängern im Studiengang Maschinenbau 2011 um 24% gestiegen (2009 waren es noch 86.000, 2011 bereits 116.000). Folglich ist damit zu rechnen, dass es in den kommenden Jahren sogar einen Überschuss von Fachkräften im Ingenieurswesen geben wird.


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