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Was hat der Bildungsstreik verändert?

Was hat der Bildungsstreik verändert?

Im Sommer 2009 gab es den ersten Bildungsstreik in Deutschland. Mehr als ein Jahr danach hat sich, so die Initiatoren, außer „warmer Worte“ nichts geändert – stimmt das?

Besetzte Hörsäle, Innenstädte voller Demonstranten und „Banküberfälle“ für eine bessere Bildung – mehr als 200.000 junge Menschen, Studenten und Schüler gingen vom 15. bis 19. Juni und am 17. November 2009 in Deutschland auf die Straße. Warum? Aus Protest gegen das Bildungssystem und für eine bessere Bildung. Überraschend gelang es den Teilnehmenden, sich auch in der Politik Gehör zu verschaffen. Doch hat der Bildungsstreik 2009 in der Hochschullandschaft etwas verändert?

Bachelor und Master in der Kritik

Im Zentrum der wütenden Bachelor- oder Masteranwärter standen vor allem eine ganze Reihe mit der Bologna-Reform eingeführte Probleme: verschulte Studiengänge, Prüfungsstress, zu wenig Lehrpersonal, kein Master für alle. Aber auch die Studiengebühren und die Zulassungsbeschränkungen der Universitäten erregten einmal mehr die Gemüter der Studenten.

Schavan zeigte sich kompromissbereit

Bundesbildungsministerin Annette Schavan sprach sich bereits unmittelbar nach dem Bildungsstreik im Dialog mit Vertretern des Aktionsbündnisses Bildungsstreik für Korrekturen an der Bologna-Reform aus.

In einer Pressemitteilung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung sagte Schavan, es könne erforderlich sein, „statt sechs auch sieben oder acht Semester im Bachelor-Studiengang zu studieren.“Zudem müsse der Übergang vom Bachelor zum Master problemlos möglich sein und der Wert des Bachelor für den Berufseinstieg überprüft werden.
„Nichts als warme Worte“, wenn es nach dem Aktionsbündnis Bildungsstreik geht. Denn nach dem Protestplenum des Bildungsstreiks Frankfurt hat sich auch mehr als ein Jahr nach dem ersten Bildungsstreik an der Situation der Hochschulen „nichts Nennenswertes verbessert“. Im Gegenteil, die Bildungsmisere habe sich, so das Protestplenum, wegen neuer Einsparungen sogar noch weiter verschärft.

Die Reparaturen an Bachelor und Master laufen

Wirklich nur warme Worte, oder hat sich in der Hochschullandschaft schon etwas getan? Zumindest kleine Veränderungen fallen auf, wenn man mit den Studenten spricht. So haben einige Hochschulen bereits die Anwesenheitspflicht abgeschafft. Das Justiziariat der Universität Duisburg-Essen hat z.B. festgestellt, dass in Vorlesungen und Übungen „eine Pflicht zur regelmäßigen Anwesenheit der Studierenden zur Erreichung des Lernziels (…) regelmäßig nicht erforderlich“ sei. Nur bei Pflichtveranstaltungen, die didaktisch besonders sinnvoll und unverzichtbar sind, bleibt die Anwesenheitspflicht bestehen. In Hamburg ist sogar das Land aktiv geworden und hat das Landesgesetz so geändert, dass die ständige Überprüfung der Anwesenheit dort nun unzulässig ist.

Regelstudienzeit für Bachelor verlängern

Etwas hat sich auch, wie von Bildungsministerin Schavan nach Ende des Bildungsstreiks vorgesehen, hinsichtlich der Regelstudienzeiten getan. So besagen die Ländergemeinsamen Strukturvorgaben für die Akkreditierung von Bachelor und Masterstudiengängen 2010 jetzt: „Die Regelstudienzeiten für ein Vollzeitstudium betragen sechs, sieben oder acht Semester für die Bachelorstudiengänge.“ Die Universitäten sind dadurch nicht mehr auf nur sechs Semester Regelstudienzeit für den Bachelor beschränkt.
An der Leibnitz Universität Hannover wird dies bereits umgesetzt. Ein Bachelor in Wirtschaftswissenschaften kann dort jetzt in acht Semestern absolviert werden. Durch die längere Studiendauer sei der Studiengang weniger eingeschränkt als sechssemestrige Bachelorstudiengänge – ebenso wie die Berufsaussichten, heißt es auf der Homepage der Universität. Fakt ist: Mit acht Semesters Regelstudienzeit wird Studenten der Druck genommen, bereits nach sechs Semestern fertig sein zu müssen. Und es werden neue Möglichkeiten geschaffen, wie etwa die Vertiefung persönlicher Studieninteressen oder ein Auslandsaufenthalt. Letzteren möchte auch die Uni Bonn ermöglichen, indem sie durchsetzt, dass Auslandssemester nicht mehr auf die Regelstudienzeit angerechnet werden.

Nur noch eine Prüfung pro Modul

Die Ländergemeinsamen Strukturvorgaben für die Akkreditierung von Bachelor und Masterstudiengängen 2010 besagen außerdem: „Zur Reduzierung der Prüfungsbelastung werden Module in der Regel nur mit einer Prüfung abgeschlossen, deren Ergebnis in das Abschlusszeugnis eingeht.“ Die Ludwig-Maximilians-Universität in München hat dies bereits binnen weniger Monate umgesetzt und die Prüfungsdichte ihrer Studiengänge reformiert. An einigen Universitäten steht auch eine Flexibilisierung der Termine in Aussicht. Dann muss derjenige, dem die Prüfung misslingt, nicht mehr ein ganzes Jahr bis zum nächsten Anlauf warten.

Master für alle?

In Schwerin haben sich die Politiker außerdem darauf geeinigt, zukünftig keine qualitativen Zulassungsbeschränkungen mehr im neuen Landeshochschulgesetz zu verankern. Der Masterzugang wird dann also nicht mehr pauschal durch eine Mindestabschlussnote definiert.

Qualitätssicherung

Auch in Sachen Qualitätssicherung geben die Hochschulen sich Mühe. So sind neue Stellen geschaffen worden und auch die Meinungen der Studenten fließen immer öfter in neue Hochschul-Richtlinien mit ein. An der Universität Frankfurt z.B. gibt es „Bologna-Werkstätten“, in denen die schlimmsten Fehler der Reform von Studenten zur Sprache gebracht werden und nach Lösungen gesucht werden kann. Ebenso sind Studierende und Lehrende an zahlreichen anderen Universitäten in den Dialog getreten um die Studiengänge befriedigend zu reformieren.

Dennoch Kürzungen an Universitäten

Andere Neugestaltungen, die weitaus komplexer sind, fehlen jedoch noch. Viele Studiengänge bleiben uneinheitlich und auch die Prüfungsdichte variiert je nach Universität und Bundesland noch immer stark. Veränderungen gab es bisher vor allem in den Bereichen, die nichts kosten, meinen Kritiker.

Und auch die Kürzungen an Universitäten schreiten trotz der von Schavan versprochenen zwei Milliarden Euro zur Verbesserung der Lehre voran.
So warnten Bayrische Hochschulen und Fachhochschulen in einem offenen Brief als Reaktion auf das Sparprogramm davor, sie seien hochgradig besorgt, dass ihre Hochschulen bald nicht mehr in der Lage seien, für die Ausbildung hochqualifizierter Absolventen zu sorgen. Es bleibt also noch einiges zu tun. Die Initiatoren des Bildungsstreiks jedenfalls möchten auch 2011 nicht still stehen, sondern weiter für eine Reform des Bildungssystems kämpfen.


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