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Was können Lehrer tun, um Mobbing zu verhindern?

Mobbing - was können Lehrer tun?

Mobber wollen treffen, aber selbst nichts abbekommen. Wie können Lehrer dem entgegenwirken? Dr. phil. Karl Gebauer war selber Schulrektor und viele Jahre in der Lehrerfortbildung tätig. In Teil I seines Gastartikels erklärt er, wie Lehrer ein Mobbing-Interventionsteam aufbauen können.

Mobbing ist ein aggressiver Akt

Bei Mobbing wird eine Schülerin / ein Schüler über einen längeren Zeitraum von Mitschülern belästigt, schikaniert oder ausgegrenzt.  Mobbingprozesse laufen meistens so ab, dass sie von allen Schülern einer Klasse – nicht aber von den Lehrerinnen und Lehrern – wahrgenommen werden. Mobber wollen treffen, aber selber nichts abbekommen.

Ein Opfer versteht nicht, was die anderen mit ihm machen. Für die Erfahrung, dass plötzlich alle – oft auch die besten Freundin / der besten Freund -  gegen es sind, gibt es in seinem neuronalen Netz kein Muster des Verstehens. Es fühlt sich  hilflos und kann sich nicht alleine aus seiner Isolation befreien. Dass man all das mit ihm machen kann, führt zu einer tiefen Scham, die es schweigen lässt. Nicht nur sein Selbstwertgefühl geht verloren, sondern auch das Vertrauen in andere Menschen. Ist der Prozess soweit fortgeschritten, ist ein Opfer seinen Peinigern völlig ausgeliefert.

Mobbing kann in der Schule begünstigt werden durch fehlende emotionale Achtsamkeit, Vernachlässigung des Beziehungsaspektes in Unterrichtssituationen, einseitige Betonung der Leistungskriterien und Nichtbeachtung der gruppendynamischen Prozesse in einer Klasse.

Wenn keine Lösung sichtbar wird und das Opfer die Demütigungen nicht mehr aushält, verlässt es in vielen Fällen die Schule. Damit wird die Macht des Mobbers nur noch verstärkt.

Als Lehrer Signale wahrnehmen und verstehen

Ganz anders entwickelt sich eine Situation, wenn sich die verantwortlichen Lehrer um eine  konstruktive Bearbeitung kümmern. Sie müssen Ausgrenzungen wahrnehmen und als Machtdemonstrationenbegreifen, die sich Schüler oder Schülerinnen vor ihren Augen erlauben. Wenn Lehrkräfte eine solche Situation nicht richtig einordnen, dann gerät das Opfer in eine hoffnungslose Lage. Merken das die Mobber, werden sie immer mächtiger und können sich noch mehr erlauben. Insofern können Lehrer, die das nicht beachten, Mobbing-Prozesse begünstigen.

Lehrer sollten daher über Muster des Verstehens und über eine angemessene Handlungskompetenz verfügen. Auf diese Weise tragen sie dazu bei, dass auch die Schüler Verstehensmuster erwerben können.

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Gelingt es den Lehrern, Vertrauen herzustellen und Mobbing als Lernfeld mit seinen emotionalen, sozialen und kognitiven Anteilen sichtbar zu machen, dann besteht die große Chance, die Schülerinnen und Schüler als Aufklärer in eigener Sache zu gewinnen. Auf diese Weise werden betroffene Schülerinnen und Schüler aus der Lähmung, die sie in einer Mobbingsituation erleben, nach und nach befreit. Sie müssen die Erfahrung machen können, dass sie zu einer konstruktiven Lösung aktiv beigetragen haben. Dabei benötigen sie Hilfe.

Empathie ist die Voraussetzung für Lösungen

Eine erfolgreiche Bearbeitung von Mobbing ist abhängig von der emotional-sozialen Kompetenz der Lehrkräfte. Sie sollten die innere Dynamik eines Mobbingprozesses verstehen und angemessen mit allen Beteiligten über die äußeren Vorkommnisse und die inneren Vorgänge reden können.

Die Lehrer müssen sich in die Situation eines Opfers ebenso einfühlen können wie in die des Täters. Mobbingprozesse zeichnen sich durch eine große Komplexität aus. Hier kann ein Lehrer schnell an seine Grenzen kommen. Von daher sollte jede Schule über ein Mobbing-Interventionsteam verfügen.

Ein Interventionsteam aufbauen

Mobbing kann nur erfolgreich bearbeitet werden, wenn man die innere Dynamik solcher Prozesse versteht. Die Arbeit besteht darin, nicht nur die Ereignisse auf der Handlungsebene zu erfassen, sondern auch die Gefühlswelt der beteiligten Personen zu sehen.

Um diese komplexen Prozesse erfolgreich bearbeiten zu können, sollte sich in jeder Schule eine Gruppe von Lehrkräften intensiv mit Mobbing beschäftigen, um im Ernstfall schnell und effektiv handeln zu können. Sie sollte sich als Interventionsteam für Konfliktlösungen verstehen. Eltern, Schüler und Lehrkräfte sollten wissen, an wen sie sich bei Mobbing vertrauensvoll wenden können. Ein solches Team gibt es zum Beispiel am Otto-Hahn-Gymnasium in Göttingen.

Für die Ausbildung der Lehrkräfte und Etablierung eines Interventionsteams sollten sich die Schulen helfen und beraten lassen. Hier seien nur einige inhaltliche Aspekte erwähnt.

Muster des Verstehens

Die Schüler einer Klasse wissen meistens sehr genau,  was sich bei Mobbing auf der Handlungsebene abspielt.

Leider haben sie meistens kein Muster des Verstehens für ihre starken Gefühle und für die sich entwickelnde destruktive Dynamik in ihrer Klasse. Sie verstehen in der Regel nicht, warum das alles passiert. Ohne Muster des Verstehens fühlen sie sich in einer unsicheren Position. Diese Unsicherheit wird noch verstärkt, wenn sie erleben müssen, dass der Mobber über eine größere Macht als der Klassenlehrer verfügt. So entsteht in vielen Fällen das Gefühl einer großen Ohnmacht.

Betroffene Schülerinnen und Schüler sind dann oft nicht mehr handlungsfähig, sie verlieren jegliche Hoffnung und fühlen sich insgesamt wie gelähmt. Deswegen ist es so wichtig, bei der Klärung die Gefühle nicht auszusperren. Sie gehören an die Oberfläche. Das wiederum gelingt nur, wenn es in einer Klasse noch einen Rest an gegenseitigem Vertrauen gibt. Diese wichtige Arbeit verlangt Einfühlungsvermögen. Mitarbeiter eines Interventionsteams sollten genau an dieser Stelle mit ihrer Arbeit beginnen.

In Teil 2 des Artikels „Was können Lehrer tun, um Mobbing zu verhindern“ erklärt Dr. phil. Karl Gebauer, worauf Lehrer beim Aufbau eines Mobbing-Interventionsteams achten müssen und welche Rolle ein Schultheater bei der Prävention von Mobbing spielen kann. Hier lesen Sie den Artikel: “Mit Schultheater und Interventionsteam Mobbing verhindern”


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