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Mit Schultheater und Interventionsteam Mobbing verhindern

Mit Schultheater gegen Mobbing

In Teil II seines Gastartikels erklärt Dr. phil. Karl Gebauer, worauf Lehrer beim Aufbau eines Mobbing-Interventionsteams achten müssen und welche Rolle ein Schultheater bei der Prävention von Mobbing spielen kann.

Sie haben Teil I des Gastartikels noch nicht gelesen? Hier finden Sie ihn: “Was können Lehrer tun, um Mobbing zu verhindern?”.

Die Welt der Gefühle

Ein Mobbing-Täter hat während seiner Kindheit oft nicht die Zuwendung und Beachtung erfahren, die zu einem gesunden Selbstwertgefühl hätten führen können. Manchmal ist er selbst Opfer von Demütigungen und Gewalt geworden. Neid und Enttäuschungen über eigenes Versagen können auch als Handlungsmotiv angesehen werden.

Die Phase des Erwachsenwerdens, die mit der Pubertät eingeleitet wird, hält viele Verunsicherungen bereit. Gelingende Freundschaften bieten eine gewisse Sicherheit. Unterschiedliche Entwicklungsverläufe bei Jugendlichen können aber dazu führen, dass sich einstmals gute Freundinnen nicht mehr verstehen.

Dies kann mit dazu beitragen, dass das „Fremde“ am Verhalten der Freundin abgelehnt und im Rahmen eines Mobbingprozesses abgewehrt wird. So kann eine Freundin zur Feindin werden, ohne dass sich die Jugendlichen der Ursachen ihres Verhaltens bewusst sind. Das Verhalten eines Mobbers kann man als Versuch ansehen, eigene Ohnmachtserfahrungen zu überwinden, indem er gegenüber Schwächeren Macht ausübt. Ein Täter weiß, was er tut. Sein Motiv liegt allerdings für ihn meistens im Verborgenen. Für das Verständnis dieser hoch komplexen Vorgänge bietet ein Interventionsteam methodische Zugänge.

Aufbau eines Selbstschutzes

Gelingende Lernprozesse stellen sich nur dann ein, wenn die Lehrkräfte es schaffen, angemessen mit diesen Gefühlen umzugehen. Wenn es den Lehrkräften gelingt, Mobbing in behutsamer Weise zu bearbeiten, dann können alle Beteiligten daraus einen Nutzen ziehen. Sie sind künftigen Mobbingsituationen nicht mehr hilflos ausgeliefert. Das gilt für Täter, Mitläufer und für Opfer. Die erfolgreiche Bearbeitung einer solchen Situation setzt voraus, dass in vertrauensvollen Klärungsgesprächen genau diese Gefühle thematisiert werden. Aufgedeckte und bearbeitete Mobbingsituationen tragen zur Entwicklung psychosozialer Kompetenz bei und schaffen damit einen Schutz vor problematischen Situationen in der Zukunft.

Der konstruktive Umgang mit Mobbing muss gelernt werden. In den vergangenen Jahren haben sich Lehrer verstärkt um Konfliktregelung und Gewaltprävention in der Schule bemüht. Dabei haben sie zum Beispiel mit der Etablierung von Streitschlichtern und Konfliktlotsen große Fortschritte im sozialen Miteinander erreicht. Mobbing kann allerdings nur erfolgreich bearbeitet werden, wenn die innere Dynamik solcher Prozesse erkannt wird. Dazu braucht es in der Regel eine kompetente Erwachsenengruppe als Unterstützung.

Emotionale Kompetenz der Erwachsenen ist gefragt

In Erziehungsprozessen  geht es um den Aufbau eines Netzes von verlässlichen und sensiblen zwischenmenschlichen Beziehungen. In Mobbingprozessen wird genau diese Entwicklung aufs Äußerste gestört. Mobbing ist seinem Wesen nach destruktiv. Damit Lehrerinnen und Lehrer konstruktive Erziehungsarbeit leisten können, sollten sie selbst über ein hinreichendes Maß an emotionaler Kompetenz verfügen. Nur über ein emotional tragendes Beziehungsangebot sind Mobbingprozesse lösbar. Emotionale Sicherheit gibt es nur über  Beziehungssicherheit.

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In Mobbingprozessen ist diese Sicherheit bis aufs äußerste bedroht. Sie hängt oft nur noch an einem seidenen Faden. Manche Forscher gehen davon aus, dass ein systematischer sozialer Ausschluss zu chronischem Stress führt, der ein Selbstzerstörungsprogramm auslöst. In einem Mobbingprozess kann sogar das Handlungsprogramm des Täters auf das Opfer überspringen und sich in dessen Gehirnstruktur etablieren. Solche Entwicklungen sind vor allem dann möglich, wenn dem Opfer keinerlei Empathie und Hilfe von Dritten entgegengebracht wird.

Wird hingegen über die Ereignisse gesprochen und werden die Gefühle beachtet, dann können die Handlungsstrukturen erkannt und reflektiert werden. Auf diese Weise werden neue Muster aufgebaut. Es kann ein anderes Verhalten gelernt werden. Im kommunikativen Prozess wird das Handeln und Erleben des Täters ebenso thematisiert wie das Erleben des Opfers. In der Bearbeitung des emotionalen Erlebens liegt die Chance, den Gesamtzusammenhang zu erkennen und neue Strukturen für erfolgreiches Handeln zu entwickeln. Das setzt voraus, dass die Lehrkräfte ihren Schülerinnen und Schülern eine vertrauensvolle Beziehung anbieten und sich Zeit für ein reflektierendes Handeln nehmen.

Interpretationskompetenz

Lehrerinnen und Lehrer müssen sich in der Interpretation bestimmter Schülerverhaltensweisen üben. Sie sollten auch lernen, die emotionale Dynamik, die in einer Klasse herrscht, zu verstehen. Eine wichtige Grundlage für die konstruktive Bearbeitung von belastenden Situationen ist eine hinreichende Interpretationskompetenz. Das Bemühen von Lehrerinnen und Lehrern bei der Lösung von Konflikten ist oft deswegen so erfolglos, weil eine falsche oder unzureichende Interpretation des Gesamtgeschehens vorliegt. Oft kommt es vorschnell zu moralischen Verurteilungen.

Kinder inszenieren in der Schule ihre inneren Probleme. Wenn Lehrer emotionale Achtsamkeit walten und sich nicht in die Inszenierungen verstricken lassen, dann helfen sie den Kindern und Jugendlichen bei der Entwicklung ihres Selbst- und Sozialkompetenz. Die Aufgabe besteht darin, genau wahrzunehmen, was sie in Szene setzen, ihre Handlungen zu interpretieren und selbst Ideen einzubringen.  Hier sorgt ein Interventionsteam für die erforderliche Distanz. Die emotionale Souveränität, die Lehrer bei der Klärung von Konflikten ausstrahlen, wirkt sich positiv auf die Wahrnehmungs- und Verarbeitungsprozesse der Schüler und Schülerinnen aus.

Das Wegsehen ist nicht nur mit Gleichgültigkeit zu erklären. Oft geschieht es vor dem Hintergrund eigener Ratlosigkeit. Leider haben die meisten Lehrkräfte das Zusammenspiel von Emotion, Ratio und Handlung im Rahmen ihrer Aus- und Fortbildung nicht oder in nicht ausreichendem Maße gelernt. Erfolgreiche Formen der Konfliktklärung scheinen ohne die Komponenten der wohlwollenden Zuwendung nicht möglich zu sein.

Schultheater

Eine gute Möglichkeit der Prävention liegt in der Bearbeitung des Problems über ein  Theaterprojekt, bei dem Schülerinnen und Schüler unter kundiger Anleitung eigene Erfahrungen einbringen und inszenieren können. Bei der Recherche sammeln sie wichtige Details der ablaufenden Prozesse. Sie haben die Möglichkeit, das Problem aus unterschiedlichen Perspektiven wahrzunehmen. Dabei kommt es darauf an, allen Beteiligten genügend Zeit für die Darstellung ihrer Erfahrungen zu geben. Gegenseitiges Zuhören steht im Mittelpunkt.

Im Spiel erschaffen sie sich eine gemeinsame Erfahrungswelt. Das Spiel gibt einen Rahmen vor, in dem Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler ihre Aufmerksamkeit gemeinsam auf dieses äußerst brisante Problemfeld richten können. Das Thema wird auf diese Weise sehr dicht erlebt.  Es bleibt wegen des Spiels immer auch eine Distanz zu realen Erlebnissen. Die gemeinsame Erarbeitung schafft die Möglichkeit, sich in die emotionale Situation der Täter, Mitläufer und Opfer zu versetzen und aus der jeweiligen Perspektive an der Gestaltung des Stückes mitzuwirken.

Die Schülerinnen und Schüler können im Rahmen eines solchen Projektes innere Muster ausbilden, durch die sie potenzielle Mobbingsituationen früh erkennen und auch in einem konstruktiven Sinne damit umgehen können. Im Spiel setzen sie sich mit dem in der Realität sehr belastenden Problem auseinander, erproben unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten und stärken so sie ihr Selbstbewusstsein. Die beteiligten Personen erleben Aufregung und Anspannung. Es stellt sich schließlich Freude am Gelingen der Spielhandlung und der gefunden Lösungen ein.
Eine öffentliche Aufführung des Stückes in der Schule kann als Ausgangspunkt für weiterführende Diskussionen dienen. Dies hat vor allem Bedeutung für die Einbeziehung der Eltern.

Mobbing-Interventionsteam und Schultheater können sich hervorragend ergänzen und unterstützen. Natürlich ist auch das eine ohne das andere denkbar.


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